Die Römer haben die Kanarischen Inseln die "Glücklichen" genannt – und dies besonders wegen des milden, mediterranen Klimas, das die landschaftliche Schönheit von Teneriffa, Gran Canaria und Fuerteventura prägt. Seitdem die sieben Inseln im Atlantik von Terroranschlägen erschüttert werden, ist unter den Urlaubern Unruhe eingezogen: Vor Luxushotels, Zweigniederlassungen europäischer Firmen oder diplomatischen Vertretungen sind schon mehr als hundert Bomben explodiert, und die Touristik-Unternehmen registrieren irritiert, daß sie zu den Opfern einer neuen Erpressermethode werden sollen.

Denn große Reiseagenturen aus fast allen europäischen Ländern (mit Ausnahme Großbritanniens) waren von der kanarischen Befreiungsbewegung MPAIAC (Movimiento para la Autodeterminación e Independencia del Archipielago Canario) aufgefordert worden, eine "Revolutionssteuer" zu entrichten: Die Forderungen gingen bis auf eine Höhe von 15 Millionen Peseten, umgerechnet 350 000 Mark, und enthielten die Drohung, daß nur die Zahlung dieser Summen den Touristen die Sicherheit ihres Urlaubs garantieren könne. Zwei deutsche Reiseunternehmen – NUR und TUI – haben bestätigt, daß sie Drohbriefe erhalten haben.

Die europäischen Reiseagenturen, von denen sich zwölf kürzlich in Madrid zu einer Klausursitzung getroffen haben, verhehlen kaum ihre Ratlosigkeit gegenüber dieser Erpresserstrategie. Zwar wurde ein Dementi, in dem die Briefe als Fälschungen bezeichnet wurden, mit Erleichterung aufgenommen. Der spanische Staatssekretär für Tourismus, Augirre, nimmt die Drohbriefe doch so ernst, daß er den ausländischen Reiseagenturen verstärkten Schutz zusicherte. Die spanische Regierung werde mehr Polizisten auf die Kanarischen Inseln schicken, die Überwachung auf den Flughäfen verstärken und intensiver gegen die MPAIAC vorgehen, von der bereits 24 Mitglieder verhaftet wurden.

Die Unruhe auf den Kanarischen Inseln hat sich verstärkt, seitdem der Führer der Kanarischen Befreiungsbewegung, Antonin Cubillo, bei einem Attentat in Algier schwer verletzt wurde und anschließend den spanischen Geheimdienst beschuldigte, er habe das Attentat gegen ihn verübt. Cubillo fordert einen "unabhängigen sozialistischen Staat Kanarien" und prangerte häufig den hemmungslos betriebenen Inseltourismus als "Ausverkauf an ausländische Kapitalinteressen" an. Der 43jährige Rechtsanwalt, der selbst Spanier ist, und hinter dessen Organisation angeblich fünf Prozent der Inselbewohner stehen, fordert besonders nachdrücklich die Abtretung der Kanaren an Afrika: Als das "Komitee für die Befreiung Afrikas" in der "Organisation für die afrikanische Einheit" (OAE) kürzlich eine Untersuchungskommission vorschlug, die den afrikanischen Charakter der Inseln feststellen sollte, fühlte sich der spanische Außenminister Oreja zu der Antwort provoziert, daß Spanien die Kanaren um jeden Preis verteidigen werde. Sie gehören seit 1494 zu Spanien. Volker Mauersberger