In Cannes erhielt er 1977 die "Goldene Palme". In den Pariser Kinos lief er über ein halbes Jahr lang (allein in der ersten Woche sahen ihn 45 000 Besucher). In Italien, in der Schweiz, in fast allen westeuropäischen Ländern, aber auch in den USA konnte man ihn als brillantes Beispiel italienischer Filmkunst im Kino bewundern. Nur in der Bundesrepublik ist "Padre Padrone" von den Brüdern Paolo und Vittorio Taviani fast ein Jahr nach seiner Uraufführung immer noch unbekannt. Wer sich für die mit archaischer Kraft erzählte Entwicklungsgeschichte des sardischen Schriftstellers Gavino Ledda vom analphabetischen Schafhirten zum Sprachwissenschaftler interessiert, wird noch bis zum November warten müssen: dann läuft "Padre Padrone" im deutschen Fernsehen.

Finanziert hat dieses Meisterwerk über den langen, mühsamen Prozeß einer Sprach- und Bewußtseinsfindung zwar ausschließlich die staatliche italienische Fernsehgesellschaft RAI, doch nicht nur die Juroren des größten internationalen Filmfestivals und die beiden Regisseure selber meinen, daß er in erster Linie auf die große Kinoleinwand gehört, wo allein sein visueller und akustischer Erfindungsreichtum adäquat sich entfalten kann. Der Fernsehbildschirm vermittelt davon allenfalls noch eine vage Ahnung.

Aber was anderswo selbstverständlich ist, scheint hierzulande inzwischen unmöglich zu sein. Denn nicht das Desinteresse der Kinobranche, auf das sich die Fernsehanstalten in früheren Jahren bei der Bildschirmpremiere wichtiger Spielfilme berufen konnten, verhindert die Veröffentlichung von "Padre Padrone" auf der Leinwand, sondern die höhnische Indifferenz eines internationalen Medienkonzerns.

Schon in Cannes im Mai 1977 hatte sich der rührige, wenn auch nicht gerade finanzkräftige Münchner "Prokino"-Verleih (der bei uns zum Beispiel die Filme von Jacques Rivette herausbringt) bei der RAI um die deutschen Kinorechte für "Padre Padrone" bemüht. Den Zuschlag erhielt freilich die Hamburger "Polytel", zu je vierzig Prozent eine Tochterfirma der Multimedia-Riesen Siemens und Philips. Die Fernsehrechte verkauften die Hamburger Filmhändler sodann an die ARD (damit war ihr Profit gesichert), auf den Kinorechten sitzen sie heute noch, obwohl nicht einmal die Frankfurter ARD-Filmredaktion auf ihrem Erstaufführungsrecht bestand und den Film fürs Kino freigegeben hätte.

Weder immer neue Angebote von "Prokino" und dem gleichfalls interessierten neuen "Filmwelt"-Verleih noch die Bereitschaft Werner Herzogs (an dessen Kaspar-Hauser-Film "Padre Padrone" gelegentlich erinnert), die Synchronregie der deutschen Fassung zu übernehmen, konnten die ehrbaren Kaufleute umstimmen. Im Juli 1977 beurteilten sie "die Theaterchancen dieser Fernsehproduktion sehr zurückhaltend" (selbst in der Schweiz wurde kurz darauf "Padre Padrone" ein großer Kinoerfolg), alle späteren, wirtschaftlich durchaus ernstzunehmenden Offerten (zum Beispiel eine Teilung der Einnahmen und Vorkosten zwischen Verleih und "Polytel") wischten sie als "kaum attraktiv" vom Tisch.

Eine kulturelle Verpflichtung im öffentlichen Interesse darf man von einem internationalen Multikonzern, der mit riesigen Summen jongliert, wahrscheinlich nicht erwarten. Aber wer mit Filmen handelt (das heißt: vom Kino lebt, und das alles andere als schlecht) und gleichzeitig das Kino am ausgestreckten Arm verhungern läßt, verhält sich zynisch. Den Schaden hat der deutsche Kinogänger, der "Padre Padrone" nur im Briefmarkenformat wird sehen können.

"Padre Padrone" ist kein Einzelfall, aber ein exemplarischer. Bei der Neufassung des Filmförderungsgesetzes sollte man sich überlegen, ob man die Interessen des mittelständischen Kinogewerbes gegenüber dem Fernsehen und den Medienkonzernen nicht wirkungsvoll schützen könnte. Fürs erste soll am 25. April (nach unserem Redaktionsschluß) eine Aktion stattfinden, die Zorn und Ohnmacht demonstriert: Vor einem Kino in der Münchner Innenstadt wollen sich Werner Herzog, sein Kollege Volker Schlöndorff, die Nicht-Verleiher von "Padre Padrone" und andere Sympathisanten öffentlich anketten lassen. HCB