Robert S. Strauss, Jimmy Carters Inflations-Austreiber

Von Jes Rau

Seit er in Washington wohnt – und das sind nun schon sieben Jahre –, erzählt er den Journalisten regelmäßig, seine Frau Helen habe ihn eben erst wieder gefragt: "Robert, wollen wir nicht langsam an die Riviera umsiedeln und das Leben richtig genießen?" Seither sagt er immer wieder, wie liebend gern er "endlich, endlich ausspannen" würde. Glaubt man Robert S. Strauss, dann hält ihn nur die Pflicht in Washington. Dann hat er die steile Karriere, die ihn zum Vorsitzenden der Demokratischen Partei und danach zum Mitglied des Carter-Kabinetts, zum Handelsbeauftragten und nun zum obersten Inflationsbekämpfer der USA werden ließ, nur aus reinem Pflichtgefühl hinter sich gebracht.

Allzu wörtlich freilich sollte man Strauss damit nicht nehmen. Mehr als alles andere ist es Ehrgeiz, der ihn beflügelt. Weitere Bestandteile seines Karriererezepts sind: Ein zur Schau gestellter Patriotismus, der Humor einer Kratzbürste, ausgereifte Schauspielkunst und ein ziemlich wacher Verstand.

Wie vielseitig verwendbar patriotisches Getöse ist, das hat Strauss seinen Mit-Texanern und Mentoren Lyndon Johnson und John Connally abgeguckt. Genau wie sie. verkleistert er damit die ideologischen und interessenbestimmten Gegensätze, die die demokratische Partei ständig zu spalten drohen. Wenn er die Wörter "Präsident" und "Amerika" ausspricht, dann scheint da immer die amerikanische Nationalhymne mitzuschwingen. Wie Connally und Johnson besitzt auch Strauss die Gabe, sich den jeweiligen Machtverhältnissen anzupassen. Das hat ihm den Ruf eines "texanischen Machiavelli" eingebracht. Instinktiv hält er sich in jeder Situation ein Türchen offen.

Der derbe Volkstribun ist er nur hinterm Rednerpult. Bei anderen Gelegenheiten entwickelt der stets makellos gekleidete, distinguiert wirkende Herr, wenn opportun, den seidenweichen Charme eines Rosenkavaliers – um im nächsten Moment in die Rolle eines Hanswurst zu fallen: Seine Sprüche grenzen dann an persönliche Beleidigung, lassen die Betroffenen nach Luft schnappen – und schließlich doch lachen.

So tauchte Strauss kürzlich bei der Geburtstagsparty eines politischen Kolumnisten auf, schaute sich die Gäste an und sagte: "Man müßte doch eigentlich meinen, daß ein Mann in fünfzig Jahren eine bessere Freundesclique finden würde als diese." Bei den Handelsverhandlungen in Genf, als die Amerikaner von den Japanern einschneidende Importerleichterungen forderten, löste Strauss die Spannung, indem er dem japanischen Delegationsleiter Nobuhiko Ushiba den Arm um die Schulter legte und ausrief: "Bruder Ushiba, du bist verrückt wie ein Teufel." Dann übergab er ihm ein winziges Päckchen mit der Bitte, es an Mike Mansfield, den amerikanischen Botschafter in Japan, weiterzugeben. "Unser Botschafter ißt so gerne Fleisch. Und das Fleisch hierdrin ist möglicherweise das einzige, das wir durch den japanischen Zoll bekommen."