Der Titel ist so lang, so rätselhaft wie der Abend im Schauspielhaus Bochum: "Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen." Wann schon hat ein Theatermensch eine Regie-Anweisung in den Titel gestellt und allein dadurch einen Protokollsatz in Poesie verwandelt? Die Worte stammen aus Shakespeares Tragödie "Macbeth". Durften wir deshalb von der Wuppertaler Choreographin Pina Bausch und den vier Frauen, sechs Männern der Gruppe schon eine "Macbeth"-Paraphrase erwarten? Auf den ersten Blick hat die Veranstaltung (im Programm steht: "Ein Stück von Pina Bausch") mit Shakespeare wenig zu tun – viel aber mit zeitgenössischem Theater, mit unserer Wirklichkeit. Erschreckend die Unduldsamkeit eines sich an Zwischenrufen labenden Publikums (am Premierenabend verstärkt durch die gerade in Bochum tagende Shakespeare-Gesellschaft-West). In den mit Möbeln aus verschiedenen Stilepochen vollgestellten Salon (Bühnenbild: Rolf Borzik) rinnt aus rotem Gartenschlauch Wasser und sammelt sich in einer riesigen Pfütze an der Rampe. Peer Raben mischt altenglische Madrigale, Tangorhythmen und Beat zu einer mehr als nur illustrierenden Bühnenmusik. Ein zu raschem Kunstkonsum entschlossenes Publikum lädt Pina Bausch erst einmal ein zu ruhigem, geduldigem Zuschauen, zum Lauschen auf Nuancen. Nach einer halben Stunde drohte die von randalierenden Zuschauern brutal gestörte Uraufführung zu platzen. Dabei ist in Bochum zu erleben: eine der bedeutendsten Unternehmungen des deutschen Theaters in dieser Spielzeit. So wenig Klaus Michael Grüber vor Weihnachten in seiner "Winterreise" mit der Schaubühne im Berliner Olympia-Stadion Hölderlins "Hyperion" inszeniert hat, so wenig ist der Prophetin des "armen Balletts" daran gelegen, die 1001. Variante einer "Macbeth"-Interpretation anzubieten. Dreieinhalb Stunden lang ereignet sich Aufregenderes: Unter Satz-Fragmenten der originalen Tragödie und Bewegungsabläufen eines elisabethanischen Mord-Märchens gräbt Pina Bausch aktuelle Geschichten aus – von Mord und Tod, von Schuld und Angst, in Bildern großer Heftigkeit und wilder Zärtlichkeit. Die Phantasie dieser Frau erweitert den Vorstellungsraum des fast nur von Männern geprägten deutschen Theaters um eine ganze Dimension. (Ausführliche Kritik in der nächsten Ausgabe der ZEIT.) Rolf Michaelis