Als letzter Appell, den Forderungen der Terroristen nachzukommen, und zugleich als persönlicher Abschied wird in Rom ein Brief Aldo Moros an den christdemokratischen Parteichef Benigno Zaccagnini verstanden, der Montag abend der Zeitung Vita zugestellt wurde. Wir veröffentlichen die wesentlichen Abschnitte des siebenseitigen Schreibens:

Lieber Zaccagnini, noch einmal, wie vor einigen Tagen, wende ich mich an Dich mit tief bewegtem Gemüt angesichts der wachsenden Dramatik der Situation. Wir sind fast bei der Stunde Null: Es fehlen mehr Sekunden als Minuten. Wir sind beim Augenblick des Gemetzels... Wie viele Gespräche gab es, Jahr für Jahr, mit den Freunden des Parteivorstandes und der Parlamentsfraktionen ... Man wußte ohne Blutsbande, ohne unvermutete nächtliche Geheimnisse, was jeder von uns dachte in seiner Verantwortung. Jetzt, in dieser Sache, der schwersten, die seit Jahren die Democrazia Cristiana getroffen hat, wissen wir nichts oder fast nichts ... Ich habe mir gesagt: Die Lage ist nicht reif, man muß eben die traditionelle Behutsamkeit der Democrazia Cristiana abwarten. Und ich habe, vertrauensvoll wie immer, gewartet..."

"Dann kommt ein sehr edler, einmütiger Vorschlag, der aber leider das wirkliche politische Problem umgeht. Es muß hingegen klar sein, daß das Thema politisch nicht das eines menschlichen Erbarmens ist – so eindrucksvoll dieses auch ist –, sondern des Austauschs einiger Kriegsgefangener (des Kriegs oder der Guerilla – wie man will), wie er dort praktiziert wird, wo Krieg ist, wie er in hochzivilisierten Ländern praktiziert wird (fast überall), wo man nicht nur aus objektiven humanitären Gründen austauscht, sondern zur Rettung des unschuldigen Menschenlebens

"Ich möchte mich einen Augenblick mit der Abwägung der Güter beschäftigen. Das eine ist – sei es auch um einen teuren Preis – zurückzugewinnen: die Freiheit. Das andere läßt sich auf keine Weise wiedergewinnen: das Leben. Mit welchem Gerechtigkeitssinn, mit welch beängstigendem Rückfall in das Gesetz der Vergeltung erlaubt es der Staat mit seiner Untätigkeit, seiner Laxheit, seinem Mangel an Geschichtssinn, daß man für Freiheit, die man zu verweigern beabsichtigt, die schwerste und nicht mehr rückgängig zu machende Todesstrafe hinnimmt? ... Auf diese Weise führt man die Todesstrafe wieder ein, die – ein zivilisiertes Landwie das unsrige seit Beccaria (1738–1794, Jurist und Kritiker der kirchlichen Inquisitionsjustiz – Anm. d. Übers.) ausgeschlossen und nach dem Kriege als Zeichen wirklicher Demokratisierung aus dem Gesetzgetilgt hat..."

"Zaccagnini, Du bist vom Parteitag gewählt, niemand kann Dich anfechten. Dein Wort ist entscheidend. Sei nicht unsicher, furchtsam, nachgiebige Sei mutig und rein wie in Deiner Jugend. Und dann, nachdem ich dies gesagt habe, wiederhole ich, daß ich das unbillige und undankbare Urteil der Democrazia Cristiana nicht akzeptiere. Ich wiederhole: Ich werde niemanden freisprechen und rechtfertigen. Kein politischer und moralischer Grund wird mich dazu treiben, dies zu tun. Mit mir ist der Schrei meiner tödlich verletzten Familie, die hoffentlich selbst ihr Wort sagen kann. Die Democrazia Cristiana soll nicht glauben, daß sie das Problem erledigt hat, indem sie Moro liquidiert. Ich werde wiederum der unbeugsame Punkt der Anfechtung und der Alternative sein, um zu verhindern, daß die DC dies tut, was sie heute macht. – Aus diesem Grund, wegen der offenkundigen Unvereinbarkeit, verlange ich, daß bei meinem Begräbnis weder Spitzen des Staates noch Männer der Partei teilnehmen. Ich verlange daß mir nur die wenigen folgen, die mich wirklich gern gehabt haben und die deshalb würdig sind, mich mit ihrem Gebet und ihrer Liebe zu begleiten:"