Reserveoffiziere stehen gegen Begin auf – "Wir müssen Konzessionen machen"

Jerusalem, im April

Wie tragisch, daß die Reise Sadats nach Jerusalem, diese grandiose Geste des ägyptischen Präsidenten, ohne jeden entsprechenden Widerhall geblieben ist – so denken die meisten Menschen, die jenes einzigartige Ereignis im November 1977 mit großen Hoffnungen begleitet hatten. Wer indessen heute in Israel ist, der bemerkt sehr bald, daß hier, ganz im Gegensatz zu dieser Vorstellung, ein Prozeß in Gang gekommen ist, den nichts und niemand mehr aufhalten wird.

Vier Kriege in dreißig Jahren und die stets gegenwärtige Sorge, wann der nächste ausbrechen werde, hatten die Hoffnung auf Frieden längst zu einer Utopie werden lassen. Als dann aber der Chef des wichtigsten und ältesten arabischen Landes plötzlich mitten unter das jüdische Volk trat, da war es, als sei in seiner Person der Friede persönlich ins Haus getreten.

Seither ist Unruhe in die Herzen vieler Israelis eingezogen. Rasch und zielsicher steuert jedes Gespräch auf dieses Problem zu. Die Leserbriefe in den Zeitungen sind entweder leidenschaftlich für eine positive Antwort an Sadat oder radikal dagegen.

Ein Brief war es auch, der die spontane Bewegung Peace now – Frieden jetzt – in Gang gebracht hat. 300 junge Reserveoffiziere, unter ihnen Panzerkommandanten und Fallschirmkommandeure, kaum einer über 30 Jahre alt, hatten einen offenen Brief an Ministerpräsident Begin geschrieben, der gerade das kritische Schreiben einiger Schüler mit Verachtung und dem Argument vom Tisch gewischt hatte: Sie hätten ja noch nichts fürs Vaterland geleistet, darum sollten sie lieber schweigen. "Wir waren der Meinung, daß ein Brief, den Offiziere, die ihr Leben eingesetzt und damit etwas für die Gesellschaft getan haben, vom Ministerpräsidenten nicht so einfach ignoriert werden könnte." Und: "Uns ging es darum, ihm zu zeigen, daß die Nation nicht (hinter ihm steht, wenn er sich weigert, über Judäa und Samaria zu verhandeln, um endlich den Frieden herbeizuführen." Dies sagte ein junger Mann von 26 Jahren, der die höchste Tapferkeitsauszeichnung Israels bekommen hat, den Itur Hagvura, der dem Pour le Merite bei uns entspricht.

Ein Neunundzwanzigjähriger, der schon den Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 mitgemacht hatte – von 4000 Gefallenen waren 1000 Offiziere –, meint, es gäbe gar keine Siedlungen, die mehr Wert seien als der Frieden. David Zucker, der diese Ansicht vertritt, lebt mit seiner Frau und einem einjährigen Kind in einem alten Turm am Stadtrand von Jerusalem. Während wir uns unterhalten, hält er das Kind im Arm, weil seine Frau noch nicht von der Arbeit zurück ist. Wenn es zu schreien beginnt, geht er auf und ab, und seine vier Kameraden übernehmen das Gespräch.