Höflichkeit? Ihr begegnet man heute leider häufig nur noch in der Form, daß man sich über ihr Fehlen beklagt. Die ältere Generation vermißt sie bei der jüngeren, für die sie nur etwas Altmodisches, Verstaubtes darstellt. Im Umgang zwischen Mann und Frau bestimmt immer seltener das den Ton, was man als "höflich" bezeichnen würde; dort scheint Höflichkeit zu den fortschrittlichen Begriffen Gleichberechtigung und Emanzipation nicht mehr zu passen. Zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern findet sie ebenfalls kaum statt, da hier ja die einen vollauf damit beschäftigt sind, ihre Autorität durchzusetzen, die anderen damit, sich dagegen zu wehren. Und gar im Berufsleben nach Höflichkeit zu suchen, ist ein fast aussichtsloses Unternehmen, kostet solch ein "Getue" doch nur kostbare Zeit, und Zeit ist Geld. Und darum, nicht um Höflichkeit, dreht sich ja schließlich alles. Juliane Neuendorf, 20 Jahre

Wir können es uns heute, in einer Zeit, die von zunehmender Intoleranz und Rücksichtslosigkeit gekennzeichnet ist, weniger denn je leisten, auf gewisse Normen des Miteinander zu verzichten. Keine Diskussion, kein erfreuliches Zusammenleben wäre denkbar ohne diese Normen. So ist Höflichkeit nichts anderes als ein Zeichen der Achtung, die man dem anderen entgegenbringt, eine Geste der Anerkennung und Toleranz. Es erscheint kaum nötig, die Auswüchse in den Bundestagsdebatten der letzten Zeit als Beispiel anzuführen, um zu illustrieren, wie sehr allerdings die Regeln des solidarischen und dennoch kontroversen Gesprächs mißachtet werden.

Andreas Fleischfresser, 19 Jahre

Es gibt viel zu wenig Höflichkeit in unserer Zeit. Die Menschen denken mehr an sich selbst und zu wenig an ihre Mitmenschen. Sie wollen Geld verdienen. Viele Menschen leiden unter zu wenig Höflichkeit. Sie würde vielen Menschen gut tun. Ich meine, Höflichkeit paßt in jede Zeit und ich finde es gut, daß dieses Thema zur Diskussion gestellt wurde, denn unsere Klasse achtet jetzt viel mehr darauf, höflich zu sein.

Susanne Thiemann, 10 Jahre

Höflichkeit ist die vornehmste Form der Verachtung, schrieb Heinrich Böll. Und damit hat er nicht ganz so Unrecht, wie es auf den ersten Blick erscheint, denn oft ist Höflichkeit eine gespielte, geheuchelte, ritualisierte Umgangsform, die eben zur Schau gestellt wird, weil es üblich ist. Sie wird als Herrschaftswissen von den oberen Schichten benutzt, um sich vom gewöhnlichen Volk abzuheben, ohne dies offen zu zeigen.

Martin Raab, 16 Jahre