Von Rolf Michaelis

Der Ort, wo diese Szenen spielen, geht immer aus dem gesprochenen Wort hervor ... Es sind Szenen, die eine ferne Trauer sich immer wieder denken muß." Diese Sätze lesen wir im Nachwort zu Max Frischs zweitem Bühnenstück "Nun singen sie wieder" (1946), das der Schweizer Autor im Untertitel "Versuch eines Requiems" nennt.

Die Worte könnten auch in einem Begleitwort zur – neuen Arbeit von Frisch stehen. Als "Versuch eines Requiems" wäre nicht schlecht bezeichnet –

Max Frisch: "Triptychon – Drei szenische Bilder"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1978; 116 S., 24,– DM.

Der zweite Teil beider szenischer Nachrufe spielt im Totenreich: 1946 versammelt Frisch die erschossenen Geiseln zum Totenmahl, bei dem sie wieder, wie bei ihrer Hinrichtung durch deutsche Soldaten, singen; 1976 führt Frisch die Toten auf einer "weiten und leeren und weißen" Bühne zusammen. Vor dreißig Jahren ließ Frisch einen Popen noch nach dem Sinn einer Begegnung im Schattenreich suchen: "Ich glaube, wir alle sind da, bis wir das Leben kennenlernen, das wir zusammen hätten führen können." Aber die Lebenden hören nicht die Mahnungen der Toten – und so ist ihr Tod vergeblich. Im neuen Spiel hat sich das Gefühl der Skepsis für einen weiser, auf jeden Fall älter gewordenen Dichter verstärkt. Jetzt ist es kein Gottesmann, der nach dem Sinn fragt, sondern ein Clochard belehrt einen Pastor: "Was gewesen ist, das läßt sich nicht verändern, und das ist die Ewigkeit." Der Clochard, Symbol-Gestalt unserer heimatlosen Zeit und einer sich selber immer fremder werdenden, unbehausten Menschheit, registriert, ganz ohne Klage: "Die Toten wandeln in der Ewigkeit des Vergangenen und lecken an ihren dummen Geschichten, bis sie aufgeleckt sind."

Man sieht, auch wenn sich das neue Spiel herschreibt von Max Frischs letzter größerer Arbeit, dem mit Geduld und oft mit Ironie über Altern und Tod nachdenkenden "Tagebuch 1966–1971": die früh gefundenen Grund-Themen ändern sich wenig. Das heißt auch: Hier sinniert kein weißhaarig gewordener Schriftsteller über Jenseits und Vergänglichkeit, sondern nach wie vor und ganz unaufgeregt über das Leben, unser Leben. "Warum leben die Leute nicht?", fragt ein junger Mann im Totenreich und stellt die Kernfrage dieser – vermeintlichen – Todeslitanei: "Haben Sie gelebt?"

Mit Gelassenheit sieht Frisch zusammen, was zusammen gehört: Leben und Tod, das Leben als Sterben, den Tod als Ausgang des Lebens. Wieder spricht Frisch durch den Mund des Clochards: "Man ist nicht plötzlich tot." Der Alte spricht von der "Leiche in mir" und darüber, daß er sich "noch dreißig Jahre lang die Fingernägel schnitt".