Von Marietta Riederer

Die Pariser Prêt-à-Porter-Mode für Herbst und Winter will alles radikal verändern. Vorbei ist es mit der ländlichen Folklore-Nostalgie – die Großstadt hat uns wieder mit dem "City-Look": Luxus und Glamour, eine gedrechselte Figur, klar umrissene Taille und überbreite Schultern. Out sind Schlabberkleider und zimperliche Farben. Die Stoffe sind fest und aggressive, exaltierte Farben konkurrieren mit rauchigen Gobelintönen.

Die neue Mode gibt sich mal militant mit Boxerschultern samt Epauletten, Plastikorden, Offiziers- und Schupomützen, in Leder von oben bis unten, streng, unsympathisch, ja, böse – mal farbig operettenhaft, naiv und lustig. Sie ist poppig laut, keß und grell oder schwarz: Glamour-Sex, geschlitzt, gewickelt und mehrteilig für den Smart-Set, der Abendkleider alter Art ablehnt.

Accessoires sind wieder wichtig, vor allem funkelnder Talmischmuck und Ordenssterne, alles in absurden Übergrößen und vor Diebstahl absolut sicher. Grellfarbige Strümpfe gehören zu Stiefeletten. Hüte sind wieder "in": Liftboykäppchen, John-Bulls-Zylinder, Tschakos, Nehru-Schiffchen, Juristen-Barette, Jesuiten-Hüte, Kosakenmützen – oder Orchideenblüten, die in wirre Lockenfrisuren gesteckt werden; Lederhandschuhe mit Stulpen, mit Straß besteckt oder aus Wolle gestrickt in Farben, die schockieren sollen. Mit Witz schockieren, so heißt das neue Spiel, mit Glanz verblüffen seine Variation. Matt schimmern Mäntel, Blousons, Hosen und Röcke aus Nappaleder. Gechinzte Baumwolle glänzt metallisch wie Messing oder Bronze, ist sie damasziert wie Möbelstoffe und gelackt, erinnert sie an gepunztes Leder. Das ist eine extravagante Neuheit, von Abraham in allen Farben für Saint Laurents Abend-Lumberjacks entwickelt. Hochglänzender Seidensatin und knisternder Taft fehlt in keiner Kollektion. Samt schimmert, Brokate und Lamés glitzern um die Wette, Besticktes funkelt. Vinyl mit Lackglanz taucht im Sportswear wieder auf, und Jeans oder Blazer aus schwarzen oder goldenen Paillettenstoffen brillieren unter Scheinwerfern wie gleißendes Feuerwerk.

Den neuen Trend bestimmen Kenzo von Jap, Karl Lagerfeld von Chloe und Yves Saint Laurent. Die Show von Kenzo fand in einem geblümten Zirkuszelt statt, die Modesüchtigen wirden mit Zirkusmusik empfangen. Hunderte von Zaungästen steckten die Köpfe durch Zeltschlitze, um teilzunehmen am Aufmarsch der naiven "Operetten-Soldaten", der englischen "Gardeoffiziere" mit Federbusch und wehenden Capes, der Trompetengirls in kurzen Schottenröckchen, der Klosterschülerinnen in braven langen Faltenkleidern mit Jesuitenhüten und der Zirkusprinzessinnen in raschelndem Taft – eine saß hoch zu Pferd und trug Diademe und Krönchen auf üppigen Locken. Mode mit Spaß und Styling als große Show – was bleibt, ist vergnügte Verwirrung. Tausende von Schaulustigen wurden in bester Laune entlassen, und schwierige Einkäufer aus den USA priesen das ganze überschwenglich. Sie hatten nämlich schon vorher ihre Orders im Hause geschrieben. Der Soldaten-Look mit Goldknöpfen, farbigen Offizierskragen, Manschetten und Chargenstreifen – ohne weiße Hosen und Federhelme – ist nichts anderes als eine neue, sehr fröhliche Jersey- oder Maschenmode.

Unter weiten grauen Capemänteln steckten Outfits in verschiedenen Farben: Bischofsrot das Kleid, violett die Schärpe, knallrosa die Ärmel, schwarze Blenden rahmen und trennen diese Farben. Das ergibt eine brandneue plakative Wirkung. Während lange Internatskleider sich als kühne, hinten offene Kittel über Satin-Shorts entpuppten, wollen "Prinzessinnenkleider" mit schmalen Tafthosen darunter nicht mehr als festliche junge "Ausgehkleider" sein.

Karl Lagerfeld für Chloe galt unter den großen Einkäufern als Prophet. Er eliminierte kurzerhand Oberweiten, Spitzen, Volants und Bänder. Oskar Schlemmers geometrische Bauhaus-Formen gaben den ersten Anstoß. Weitere Inspirationen aus den frühen 50er Jahren sind überbreite Schultern zur betont schmalen Taille, sehr tiefe, drapierte Ausschnitte und gerundete Hüften an schmalen kürzeren oder fessellangen Röcken: Völlig neue Proportionen sind so entstanden. Dazu gehört der zierliche, hochfrisierte Kopf und Liftboykäppchen, das über die Stirn gezogen wird. Schwarz, Gold oder Edelsteinfarben illuminiert, dominiert. Theaterschmuck "à la Scala" von Ugo Correani entworfen, ist Spaß und Bluff, während die farbigen Strümpfe zu sehr hochhackigen Schuhen den "ewigen Stiefeln" den Garaus machen wollen. Für den Abend sind die stengelschmalen Kleider, tief dekolletiert, der schmale Rock ist wie ein Riesenblatt unter der Brust gewickelt, vorne kurz, hinten lang, und schwarz – ein Abendkleid mit Zukunft.