Von Werner Jochmann

Unsere zeitgeschichtliche Forschung entwickelte sich unter dem Eindruck des Schocks, den die nationalsozialistische Herrschaft, die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der totale Zusammenbruch im Jahr 1945 verursacht hatten. Angesichts der Hoffnungslosigkeit und politischen Desorientierung der Bevölkerung waren große Anstrengungen nötig, wieder zu einer neuen Standortbestimmung zu gelangen. Voraussetzung dafür war jedoch die Einsicht in das, was in Deutschland seit 1933 und durch Deutsche in Europa geschehen war.

Bei der geringen Distanz zu den furchtbaren Ereignissen konnte es nicht ausbleiben, daß man das nationalsozialistische Herrschaftssystem als abnorm empfand, daß sich ein Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands zunächst nicht oder nur unzureichend erkennen ließ, So herrschte weithin die Überzeugung vor, man könne die nationalsozialistische Zeit in dem Sinne "aufarbeiten", daß das Ausmaß der Verbrechen und negativen Entwicklungen festgestellt und die Nachwirkungen beseitigt würden. Das deutsche Volk sollte von einem Irrweg zurückgeleitet werden. Selbst prominente Politiker glaubten daran, daß sich die schlechten Glieder aus der Traditionskette entfernen ließen und das neu Entstehende wieder an die intakten Überlieferungen angeschlossen werden können. Die Gegenwart sollte wieder fest mit der großen geistigen und kulturellen Tradition verschränkt werden.

Ein Teil der Historiker verhielt sich der Zeitgeschichte gegenüber jedoch skeptisch. Ihnen schien das damit verbundene Engagement im Interesse neuer politischer Bewußtseinsbildung suspekt, weil sie selber durch die Geschehnisse unsicher geworden waren. Als daher Anfang 1953 das erste Heft der "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" erschien, mußte Hans Rothfels begründen, warum die zeitgeschichtliche Forschung für die deutsche Wissenschaft eine vordringliche "Aufgabe" sei. Seine Argumente haben überzeugt. Heute, nach einem Vierteljahrhundert, ist die Zeitgeschichte nicht nur etabliert, sondern genießt auch hohes Ansehen, im Ausland vielfach noch mehr als in der Bundesrepublik. Die "Vierteljahrshefte" sind zur international anerkannten maßgeblichen Zeitschrift geworden. Dies ist gewiß ein Grund, zum Abschluß des 25. Jahrgangs mit einem über 500 Seiten starken Jubiläumsband vor die Öffentlichkeit zu treten:

"Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, München; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1977, Heft 4; 534 S., 32,– DM, im Jahresabonnement 50,80 DM.

Zum Erfolg der Zeitschrift haben viele Fakten beigetragen. An erster Stelle gehört dazu, daß es den beiden Herausgebern, Theodor Eschenburg und Hans Rothfels, gelang, in 25jähriger kontinuierlicher Arbeit Qualitätsmaßstäbe zu entwickeln und durchzusetzen. Nicht minder entscheidend war auch die Kontinuität in der Schriftleitung. Helmut Krausnick hat nahezu 20 Jahre als verantwortlicher Schriftleiter und danach als dritter Herausgeber das Gesicht der Zeitschrift mitgeprägt. Hans Rothfels hat das Erscheinen des 25. Jahrgangs nicht mehr erlebt, er starb im Juni 1976, war aber noch an der Vorbereitung und Planung des letzten Bandes beteiligt. Ganz besonders haben die Herausgeber der "Vierteljahrshefte" wegen ihres großen Ansehens Wissenschaftler des In- und Auslandes zur Mitarbeit gewinnen können. Dadurch sind niemals Zweifel an der methodischen Exaktheit und der sachlichen Strenge aufgekommen.

Darüber hinaus überzeugte besonders die Offenheit der Herausgeber gegenüber neuen Fragestellungen und Forschungsansätzen und die geistige Liberalität, mit der abweichende Auffassungen und Thesen akzeptiert wurden. Zeitbedingten und modischen Experimenten gegenüber blieben sie jedoch ebenso zurückhaltend wie sachlich unfruchtbaren Polemiken. Es ist mithin mehr als gerechtfertigt, daß die Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München, in dessen Auftrag die Zeitschrift herausgegeben wird, mit dem stattlichen Sonderheft dafür danken wollen. Sie verbinden damit die Erwartung, daß die neuen Herausgeber, Karl Dietrich Bracher und Hans-Peter Schwarz, die Arbeit im alten Geist fortsetzen werden – woran in Fachkreisen nicht gezweifelt wird.