Der Irrflug der sükoreanischen Boeing 707 mit annähernd 4000 Kilometern Kursabweichung ist wohl nur unter Rückgriff auf einen alten, bösen Fliegerspruch zu erklären: Pilot und Navigator unterscheiden sich dadurch, daß der eine auf dem Tisch, der andere unter dem Tisch schläft. Auch auf der Nordroute, auf der die magnetische Kompaßanzeige bei Annäherung an den Pol unbrauchbar wird, können moderne Verkehrsflugzeuge mit ihrem kreiselgesteuerten Trägheits-Navigationssystem sicher navigieren. Ein Totalausfall der – mindestens zweifach vorhandenen – Anlage ist unwahrscheinlich; jedenfalls ist er für eine aufmerksame Besatzung nicht zu übersehen. Und auch dann bleiben ihr noch genügend Hilfsmittel, um Position und Richtung zu bestimmen. Der Schluß auf menschliches Versagen der koreanischen Crew erscheint daher zwingend.

Er lag gewiß auch für die sowjetischen Luftraumüberwacher nahe, die das Flugzeug offenbar erst bemerkten, als es bereits ein gutes Stück in ihr Hoheitsgebiet eingedrungen war; Selbst wenn der Raum um Murmansk den Sowjets als besonders sicherheitsempfindlich gilt, hätten sie deshalb keinen Grund, ihre Abfangjäger ohne Vorwarnung auf den Eindringling schießen zu lassen. Es gibt für Fälle von Luftraumverletzung durch Zivilflugzeuge international festgelegte Prozeduren. Die Anwendung von Waffengewalt ist dabei ultima ratio. Die Russen aber bevorzugten das Prinzip: Erst schießen, dann erklären. Bloße Nervosität wäre dafür zwar keine unzureichende, aber eine umso mehr beunruhigende Erklärung.

H. Sch.