Von Wolfram Siebeck

Sie müssen sich das so vorstellen: Sie nähern sich Paris von Westen, sagen wir auf der A 4, aus Richtung Reims kommend, und als Sie noch ungefähr 25 Kilometer von der Innenstadt entfernt sind, sehen Sie vor sich am Horizont eine Rauchwolke. Müllkippe, würden Sie normalerweise denken. Aber heute fällt Ihnen ein, daß auch eine angebrannte Erbsensuppe ähnlichen Rauch verursachen könnte.

Zehn Minuten später sind Sie an der Porte de Charenton, deren Name Sie an Marat erinnert, beziehungsweise an Peter Weiß, der damals das Stück mit dem wunderbar langen Namen geschrieben hat, und diesmal riechen Sie ganz deutlich, daß da etwas angebrannt ist oder fault. Schließlich sehen Sie – Sie sind inzwischen in der Gegend des Hotels de Ville Teil einer Verkehrsstauung geworden und haben Zeit, die Trottoirs zu. beobachten – Sie sehen einen Mann, dem ganz offensichtlich übel ist. Gewiß sieht er nicht aus, als habe er gerade mit Lady Diana Cooper geluncht; genau betrachtet, gleicht er eher einem Clochard als einem Bonvivant – und doch, und doch, der Zweifel ist geweckt: könnte er nicht aus dem Maxim’s kommen, der Unglückliche?

Den Zweifel hat der Guide Michelin geweckt, der, wie wir alle wissen, dem Luxusrestaurant einen seiner drei Sterne entzog, worauf es das Maxim’s vorzog, überhaupt nicht mehr im roten Freßführer vertreten zu sein. Man muß schon weit in die französische Geschichte zurückgehen, um einen vergleichbaren Verlust zu entdecken: Sedan, vielleicht Algerien.

Das alles ist nicht ohne Einfluß auf Ihre Erwartungen, wenn Sie in die Rue Royale einbiegen. Sie waren inzwischen im Hotel und haben sich umgezogen. Nicht gerade Smoking, den verlangt man im Maxim’s nur am Freitagabend, aber selbstverständlich dunkel; nach sechs Uhr nachmittags trägt der Herr Schwarz, womit die Schuhe gemeint sind. Sie kommen also näher, schnuppern noch einmal mißtrauisch nach links und rechts, vergewissern sich, daß Sie Brieftasche und Begleiterin bei sich haben, und betreten das Lokal in der kühnen Hoffnung, die Degradierung könnte bei den Maxim’s-Köchen neuen Ehrgeiz geweckt haben.

So ohne weiteres betreten Sie das Lokal natürlich nicht. Sie treten ein, oder besser noch, Sie treten auf. Es wachen nämlich vor dem Eingang diese beiden großen Kerle in den langen Mänteln, die gut die Enkel jener Knechte sein könnten, die schon dem Prince de Polignac den Kutschenschlag aufrissen. Doch als Sie Ihre Begleitung auf diese historische Arabeske aufmerksam machen, sagt sie ernüchternd: "Wieso zwei? Ich sehe nur einen!" Tatsächlich! Der Verlust der Sterne symbolisiert sich also schon auf der Straße! Betrübt gehen Sie durch die Tür, die der Übriggebliebene vor Ihnen aufreißt, und werden. Ihr erstes Trinkgeld los.

Im Austausch gegen Ihren Zylinder erhalten Sie an der Garderobe eine billige Pappmarke mit aufgemalter Zahl; dann steht der Restaurantdirektor vor Ihnen. Er wenigstens ist derselbe, dieser bekannte, ja berühmte Mensch, der seit Jahrzehnten die Prominenz empfängt, wie heißt er noch, ist auch egal, er kennt Sie nicht, also brauchen Sie seinen Namen auch nicht zu wissen. Er bringt Sie an Ihren Tisch, rechts im kleinen Saal, wo man sitzen muß, wenn man mittags hier ißt. Aber jetzt ist Abend, und zu früh sind Sie auch. Nur wenige Tische sind besetzt, und links, im großen Saal, wo später eine-kleine Kapelle Operettenmelodien dudeln wird, brennen noch nicht einmal die Lampen.