Die italienische Region Venetien (Veneto), bislang vom großen Tourismus ziemlich unentdeckt, nimmt jetzt den 500. Geburtstag des Malers Giorgione zum Anlaß für ein großes Festival, das Touristen – auch für die Zukunft – in die vergessene Landschaft locken soll.

Die Madonna sieht nicht glücklich aus. Sie sitzt da auf ihrem alles überragenden Thron vor der stillen, sanft golden überfluteten Landschaft Venetiens, zieht den linken Mundwinkel schief nach unten und blickt unendlich traurig herunter in die Tiefe.

Sie ist der Lockvogel des Fremdenverkehrsamtes der italienischen Region Veneto, dem Hinterland Venedigs, das endlich auch deutsche Touristen im Land haben will.

Touristische Attraktionen hätte, wie wir noch sehen werden, Venetien genug, aber der Bürgermeister von Castelfranco entdeckte just einen besonders runden Knüller, um die Kampagne zu starten und zugleich das Publikum auf Kunstinteressenten zu begrenzen.

Denn vor 500 Jahren, also 1478 (oder 1477, das ist ja nicht so wichtig), wurde Giorgione ("Großer Giorgio") geboren, der um 1500 mit seinen leuchtenden Farben und neuen Perspektiven die Kunst revolutionierte, die gesamte venezianische Malerei (sogar den alten Giovanni Bellini) beeinflußte und ihr damals zu einer führenden Stellung in der europäischen Kunst verhalf.

Aus Anlaß dieses 500. (oder 501.) Geburtstages also veranstaltet Castelfranco (Giorgiones Geburtsort) in diesem Jahr ein Festival, zu dem auch verschiedene Besuchsprogramme für Touristen aufgelegt wurden. Da es unmöglich war, Bilder Giorgiones, die in den Museen der ganzen Welt verteilt hängen, nach Castelfranco zu bekommen, begnügt man sich hier mit der oben erwähnten, schönen "Thronenden Maria mit dem Heiligen Franciscus und Liberale", die – kürzlich einen Raub glücklich überstanden – einen vergitterten Raum im Dom von Castelfranco erleuchtet.

Ansonsten steht in Giorgiones mutmaßlichen Arbeitsräumen eine Ausstellung ("Giorgione und seine Zeit") von Ende Mai bis Oktober auf dem Programm, die freilich keine Originalbilder, sondern teils echte, teils kopierte Zeitdokumente zeigt und eine dokumentarische Ausstellung "Das Altarbild von Castelfranco, Veneto" (Mai bis Oktober). Vom 29. bis 31. Mai treffen sich außerdem in Castelfranco 40 Experten aus aller Welt zu einer "Giorgione Konferenz". Schließlich findet noch vom 1. bis 3. September eine internationale Konferenz "Literatur, Musik und Theater zu Giorgiones Zeit" mit Konzerten und Aufführungen in Castelfranco und Asolo statt.