Von Gunter Hofmann

Bonn, Ende April

Franz Josef Strauß als Opfer eines grandiosen Komplotts – auf die Stunde, in der das unübersehbar zu sein scheint, muß einer wie er sehnsüchtig gewartet haben, der sich ein Politikerleben lang zu Unrecht verfolgt fühlt. Seit das Telephongespräch zwischen ihm und Bayernkurier-Chef Wilfried Scharnagl am 28. September 1976 abgehört und Ende 1977 anonym der Süddeutschen Zeitung zugesandt worden ist, bedarf es für den belauschten Bürger Strauß keiner Beweise mehr: Auch dieses parlamentarische Untersuchungsverfahren gerinnt vor der Urgewalt seiner Überzeugungen zum parlamentarischen Hokuspokus, der das Aufspüren der einfachen Wahrheit nur stört.

Strauß ist ein hochaktives Opfer; er "weiß ja, wo die Glocken hängen". Und pocht also darauf, daß ihm zumindest soviel Empörung über den Verfassungsbruch zustehe wie dem belauschten Bürger Traube; ja, im Grunde weitaus mehr, denn schließlich handelte es sich in seinem Fall um den letzten Akt einer "verleumderisch-verbrecherischen Rufmordkampagne" nach Art eines "totalitären Systems". Ein solcher Belauschter hat Anspruch, daß sein Schuldspruch auch anerkannt wird.

Nur Bundesdienststellen dürfen abhören, andernfalls ergäbe sich "eine völlig neue Sachlage", pflegt Strauß zu argumentieren. Also müssen die Verdächtigten beweisen, daß sie es nicht waren. Zweifelsfrei falsch ist nach seinen Angaben im Gesprächsprotokoll nur das, was auf ein Vertuschungsmanöver in Sachen Lockheed hinausläuft, also die drei Sätze: "Ich selbst habe nunmehr nach 16 1/2 Jahren aus dem Archiv die Akten angesehen und alles, was die nicht sehen dürfen, gelüftet. Die persönliche Post mit L. ist entfernt. Sollten die dahinterkommen?" Daraus läßt Strauß sich keinen Strick drehen. Er ficht so, als wolle er sämtliche verlorenen Schlachten um sein öffentliches Bild und Feindbild noch einmal nachträglich gewinnen. Jetzt oder nie.

Unüberbrückbar wird damit die Kluft zwischen den Zielen eines Untersuchungsausschusses, der sich seit drei Monaten durchs Detailgestrüpp schlägt – und noch kein Licht sieht –, und dem überdimensionalen Anspruch von Strauß. Einen Zeugen wie ihn, der die innere Sicherheit über das Geschehene einfach aus der Kenntnis der "wahren" Interessen seiner politischen Gegner gewinnt, muß die "monotone Paradoxie" der an ihn gerichteten Fragen natürlich in Harnisch bringen. Strauß geht es da nicht besser wie dem Zeugen Helmut Schmidt, der zur selben Zeit ächzend im Lutze-Ausschuß auf die bekannten Fragen zum wiederholten Mal die bekannten Antworten gibt. Ist das "Hohe Haus" so schwer von Begriff?

Auf die gleiche Frage, klagt Strauß, ob er "glaube" oder "wisse", habe er doch bereits geantwortet: "Ich glaube. Credo." Für den Fall, daß sein Glaube dennoch nicht allen Zweiflern den Atem nimmt, hält er andere Hinweise bereit: Erstens einmal sind beim Militärischen Abschirmdienst (MAD) bekanntlich ohnehin "gewisse lose Sitten eingerissen". Zweitens stützt sich die "Vermutung, die sich zum Glauben entwickelt hat" – derart subtil verlief bei ihm der Erkenntnisprozeß –, auf einen Zeugen. Im Januar dieses Jahres soll ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) einem "Kollegen" von ihm, Strauß, mitgeteilt haben, falls die CSU den BND verdächtige, sei sie auf dem "Holzweg". Aber nur wenn "alle anderen Parteien sämtliche Informanten" aus den Diensten nennen würden, wäre auch er bereit, Namen zu nennen. Denn schließlich – "ich kann nicht den Ausschuß ersetzen".