Von Wilfried Kratz

Schnell wechselnd und verwirrend ist die Szene des britischen Flugzeugbaus. Während sich der Hersteller British Aerospace im Augenblick ganz auf die Möglichkeit einer Kooperation mit europäischen Partnern konzentriert und entsprechende Vorschläge ausarbeitet, hat Industrieminister Eric Varley am Montag drei Einladungen nach Amerika zur Post gegeben. Er bittet Boeing, Lockheed und McDonnell Douglas zu Diskussionen mit ihm nach London. Zugleich will Varley, "wenn es angebracht ist", weitere europäische Gespräche führen.

Varley betont, daß Entscheidungen über neue Flugzeugprojekte auf einer kommerziellen und nicht auf einer politischen Basis getroffen würden. Premierminister James Callaghan dagegen ließ Bundeskanzler Schmidt am Wochenende in London wissen, daß er alle internationalen politischen Faktoren in Betracht ziehen werde.

In der höchst komplexen Frage geht es letztlich darum, ob die Briten die Zukunft ihres zivilen Flugzeug- und Triebwerkbaus besser in einer engen Kooperation mit den Amerikanern, wahrscheinlich Boeing, oder mit den Europäern gesichert sehen oder den Versuch machen sollen, auf beiden Hochzeiten zu tanzen. Daß die Akte letztlich auf dem Kabinettstisch landen wird, resultiert nicht nur daraus, daß alle drei großen Unternehmen – British Aerospace, Rolls-Royce und British Airways – in der Hand des Staates sind. Eine so wichtige Weichenstellung ist nicht nur eine kommerzielle und industrielle, sondern auch eine politische Entscheidung.

Die britische Flugzeugindustrie, mit 200 000 Beschäftigten die größte in Europa, befindet sich in einer kritischen Phase. Auf der militärischen Seite hat sie dank der internationalen Rüstungsprogramme keine Beschäftigungssorgen. Der schwache Punkt ist der zivile Flugzeugbau.

Ein Lichtblick ist zwar das anziehende Geschäft mit dem europäischen Airbus-Konsortium; British Aerospace liefert die Flügel für den Airbus. Aber es kann kein Zweifel sein, daß der staatliche Flugzeugbauer groß in das Geschäft für die nächste Generation von Flugzeugen kommen muß, um die Beschäftigung seiner 50 000 Leute im zivilen Bereich zu sichern.

Ähnlich ergeht es dem Triebwerkhersteller Rolls-Royce, der über 50 000 Personen Arbeit gibt. Dieses Unternehmen, das vor sieben Jahren über der Entwicklung des Triebwerks RB 211 zusammenbrach und anschließend von der Regierung übernommen wurde, hat ebenfalls im militärischen Bereich eine relativ gesicherte Position. Aber auf der zivilen Seite befindet es sich in einer verwundbaren Lage.