Erstmals wieder seit 1973 wurde am vergangenen Donnerstagabend ein ziviles Verkehrsflugzeug durch Waffengewalt zur Landung gezwungen.

Auf dem Flug von Paris nach Anchorage in Alaska kam eine mit 110 Personen besetzte Boeing 707 der südkoreanischen Luftverkehrsgesellschaft Korean Air Lines (KAL) über 4000 Kilometer von ihrem Kurs ab und drang tief in sowjetisches Hoheitsgebiet über der Halbinsel Kola ein. Dort wurde sie von sowjetischen Jagdflugzeugen abgefangen und ohne Warnung beschossen. Dabei kamen zwei Fluggäste ums Leben, elf wurden zum Teil schwer verletzt. Dennoch gelang dem Piloten eine Notlandung der beschädigten Maschine in der Nähe eines zugefrorenen Sees.

97 Passagiere, elf Besatzungsmitglieder und die beiden Toten wurden zwischenzeitlich von einer amerikanischen Fluggesellschaft über Helsinki nach Seoul ausgeflogen. Lediglich der Pilot und der Navigator des koreanischen Flugzeuges wurden von den sowjetischen Behörden zu weiteren Verhören zurückbehalten.

Unbeantwortet ist noch immer die Frage, aus welchem Grund der Pilot mehrere tausend Kilometer von seinem Flugkurs abkommen konnte und warum die sowjetische Luftüberwachung die koreanische Maschine erst tief über dem eigenen Territorium aufgegriffen hat.

Nach Angaben des Präsidenten der koreanischen Fluggesellschaft setzte ein von der Mannschaft nicht wahrgenommener Stromschlag das Kompaßsystem des Flugzeuges außer Betrieb. Da der Pilot die an die Kreselkompaß gekoppelte selbsttätige Steuerungsanlage eingeschaltet hatte, sei ihn die Kursabweichung nicht aufgefallen, obwohl ihm der Sonnenstand hätte verraten müssen, daß er seinen Kurs um mehr als 90 Grad verlassen hatte.

Ungeklärt ist aber auch, weshalb die sowjetische Luftwaffe das Flugzeug erst tief im Innern des eigenen Landes und dann durch Anwendung von Waffengewalt abgefangen hat. Nach Auskunft norwegischer Luftwaffenoffiziere fliegen sowjetische Jagdflugzeuge nicht identifizierte Flugzeuge gewöhnlich bereitsüber der Barentssee an. Daraus sei zu schließen, daß das koreanische Flugzeug zufällig in eine Lücke der sowjetischen Luftraumüberwachung geraten war. Ulrich Völklein