Die französische Stahlindustrie hat mehr Schulden als Umsatz

Von Klaus-Peter Schmid

Vor sechs, sieben Jahren waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt: Fos-sur-Mer galt als künftiges Ruhrgebiet am Mittelmeer. Auf 20 000 Hektar Gelände sollte westlich von Marseille ein riesiges Industriezentrum entstehen. Als Mittelpunkt des Projekts war ein Stahlwerk mit drei Hochöfen geplant. Frankreich steuerte – genau wie seine europäischen Nachbarn – dem Höhepunkt eines Stahlbooms entgegen.

Doch seit 1975 geht’s bergab. Der dritte Hochofen wurde nie gebaut, der zweite lag zeitweise still. Dabei geht es dem Stahlwerk am Mittelmeer bei einer Kapazitätsauslastung von achtzig Prozent heute noch glänzend; denn im Landesdurchschnitt liegen vierzig Prozent der Kapazitäten brach, in Lothringen und den Industriegebieten nahe der belgischen Grenze sind es noch entschieden mehr. Ganze Regionen kämpfen ums Überleben, weil Tausende von Arbeitsplätzen gefährdet sind – und eine einseitige Wirtschaftsstruktur keine Alternative bietet.

Wie in der Bundesrepublik leiden die Stahlunternehmen unter der zurückgegangenen Nachfrage in der Wirtschaftskrise, die durch den Boom in der Automobilindustrie und verstärkte Exportbemühungen nicht ausgeglichen wird. In Frankreich kommt hinzu, daß die Stahlindustrie trotz modernster Anlagen in Küstennähe, die erst in den letzten Jahren entstanden sind, international nicht konkurrenzfähig ist. Schuld daran sind vor allem unproduktive Anlagen im Norden und in Lothringen.

"Die französische Stahlindustrie ist eine der angeschlagensten der ganzen Welt", klagte vor ein paar Wochen die Pariser Zeitung Le Matin. Das deutlichste Symptom dieser Krankheit ist die seit 1974 rückläufige Zahl der Beschäftigten. Zehntausend Arbeiter mußten in den letzten drei Jahren bereits einen neuen Job suchen; bis Ende 1979 werden nochmals 16 000 Arbeitsplätze in dieser krisengeschüttelten Branche verlorengehen.

Trügerische Hoffnungen