Von Horst Bieber

Wahlen, zumal Präsidentschafts-Wahlen, pflegen in Brasilien keine Überraschungen zu bringen: Die Regierungspartei ARENA (Allianz für die nationale Erneuerung) bekommt die Mehrheit, und Präsident wird, wen der amtierende Präsident zu seinem Nachfolger bestimmt. So steht seit Monaten fest, daß General João Baptista de Oliveira Figueiredo, Chef des "Nationalen Informations-Dienstes" (SNI), im März 1979 den "Palast der Morgenröte" in Brasilia beziehen wird – als fünfter Offizierspräsident seit dem Militärputsch von 1964. Offiziell muß er Mitte Oktober noch von einem Wahlmännergremium bestätigt werden. Doch nachdem ein Parteikonvent der ARENA in diesen Wochen Figueiredo mit 775 von 802 Stimmen auf den Schild gehoben hat, reduziert sich auch die Oktober-Wahl auf eine reine Pflichtübung.

Die Übermacht des Präsidenten im konstitutionellen System Brasiliens erklärt, daß ohne seine Zustimmung kein Nachfolger ausgewählt werden kann. Doch ist er wiederum nicht so mächtig, daß er keine Rücksichten auf die Stimmung im Militär zu nehmen brauchte, und dort hat sich mittlerweile viel Unmut gegenüber Figueiredo angesammelt. So viel, daß sich zum erstenmal offene Opposition gegen "den Mann des Präsidenten" hervorwagte. Ernesto Geisel hat sie bisher erfolgreich unterdrückt. Daß er es mit ungewohnter Härte tat, beweist, wie sehr er den heute 60jährigen Figueiredo als Vollender seiner Politik betrachtet.

Warum – das wissen die 110 Millionen Brasilianer freilich nicht. Für die Öffentlichkeit ist der kleine und im Vergleich zu Geisel fast rundlich wirkende Figueiredo ein fast unbeschriebenes Blatt. Seine steile Offiziers-Karriere vollzog sich außerhalb des Scheinwerferlichts einer Öffentlichkeit, die sehr wohl weiß, was Beziehungen in einer Militärdiktatur bedeuten und deshalb mit penetranter Hartnäckigkeit die Umgebung der Herrschenden ausleuchtet. Der neue Mann war ihr trotzdem entgangen. Was wunder, daß bald der Satz kursierte: "Er weiß alles über uns, aber wir wissen nichts über ihn."

Dem hat der selbstbewußte Kandidat zu begegnen versucht. Obschon von Natur aus eher schweigsam und hart, hat er in vertraulichen Pressegesprächen systematisch Einblick in sein Privatleben gewährt: verheiratet, zwei erwachsene Söhne in der Armee, Billard- und Schachspieler, passionierter (und guter) Reiter, Hobby-Mathematiker mit beachtlichen Kenntnissen, gelegentlicher Dichter mit Vorliebe für strenge Formen (seine Sonette wollte er dennoch nicht herausgeben), mit allen Vorzügen und Unarten eines ehemaligen Kavallerie-Offiziers gesegnet, starker Raucher. Die Journalisten nahmen es dankbar zur Kenntnis. Und als der von einer chronischen Bindehaut-Entzündung geplagte Drei-Sterne-General (den vierten Stern erhielt er unmittelbar vor der ARENA-Entscheidung, zum großen Ärger vieler älterer Kameraden) seine dunkle Brille gegen eine hellere vertauschte – seit Pinochet haben dunkle Augengläser eine finstere Bedeutung –, verkündeten viele erleichtert: So schlimm ist dieser Protegé Geisels nicht.

Zeitungen mit besseren Archiven erinnerten daran, daß Figueiredos Vater als Rebell und Verteidiger der Verfassung gegen das Vargas-Regime im Gefängnis saß, wo er seine Zeitungen mit dem brasilianischen KP-Gründer Prestes teilte; daß seine Mutter viele Verbindungen zum intellektuellen Frankreich besaß; daß einer seiner Brüder, ein halbwegs bekannter Literat, einmal gesagt hatte: "Wenn João Präsident wird, haue ich aus Brasilien ab" – und nun meint, mit diesem Präsidenten könne man leben. Der apolitischen Mehrheit gefiel, daß Figueiredo nach dem deutschstämmigen "Preußen" Geisel zwei andere brasilianische Eigenarten verkörpert: das Pfiffige des Carioca (des Einwohners von Rio de Janeiro) und die Gelassenheit des Südens, wo er aufwuchs.

Nur wenige erkannten, daß die schillernde Person des künftigen Präsidenten nur von dem Programm ablenkt, das er verkörpert. Er soll bis zum März 1985 vollenden, was Geisel begonnen, aber nicht mehr vollständig durchsetzen konnte: die innenpolitische Entspannung bis zu einem Punkt voranzutreiben, von dem aus sie nicht mehr zu revidieren ist.