Wie sich der „Münchner Begräbnisverein“ mit dem Umbau eines Hotels übernahm

Herr Schuster ist in Pension“, bedauert die Dame in der Telephonzentrale und verbindet mit seinem kommissarischen Nachfolger Rolf Cordes. Dieser gibt die Auskunft: „Herr Schuster ist in Urlaub“, räumt dann aber ein, daß er nicht mehr zurückkehren werde. Ludwig Schuster, 66, bis vor kurzem Vorstandssprecher der „Lebensversicherung von 1871 auf Gegenseitigkeit München“, früher weniger anspruchsvoll „Münchner Begräbnisverein“ firmierend, ist über den „Fall Regina“ gestolpert.

Trotz seines Pensionsalters wollte er eigentlich noch zwei bis drei Jahre bleiben, um die Annehmlichkeiten des neuen repräsentativen Verwaltungsgebäudes zu genießen. Dessen Kauf löste nun, mit Nachhilfe des Berliner Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen, seinen vorzeitigen sang- und klanglosen Abschied aus.

Dabei hatten es Schuster und sein früherer, Ende 1976 in den Ruhestand getretener Kollege Johannes Ewerling, so gut gemeint, als sie sich vor vier Jahren des zum Verkauf stehenden renommierten Münchner Palast-Hotels Regina erbarmten, das durch schlechtes Management heruntergewirtschaftet worden war. „Wir wollten es vor dem Zugriff anderer, so der Araber, retten“, erinnert sich Cordes. Die Bosse der Versicherung, die noch nie in ihrer über hundertjährigen Geschichte über ein eigenes Verwaltungsgebäude verfügten, wollten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: eine Zentrale in exquisiter Lage erwerben und sich gleichzeitig in dem publicityträchtigen Verdienst sonnen, die städtebauliche Substanz des Regina erhalten zu haben.

Doch dabei haben sie sich übernommen. Der Umbau des Hotels wufde zu einem Abenteuer – er verschlingt mit schätzungsweise 45 Millionen Mark doppelt so viel, wie der Kauf gekostet hat (23 Millionen Mark). Der ganze „Spaß“ kommt so mit 70 Millionen Mark teuer zu stehen. Überdies mußte man sich jahrelang mit der Stadt wegen eines miterworbenen, aber strittigen Baurechts herumschlagen. „Das hat uns viel Herzblut gekostet“, seufzt Cordes pathetisch. Erst recht spät stimmte die Baubehörde zu, daß das Regina um einen Pavillonbau erweitert werden darf, um eine halbwegs wirtschaftliche Lösung zu ermöglichen. Dabei mußte man „um jeden Baum“ auf der benachbarten Grünfläche „einzeln kämpfen“.

Daneben ging die Auseinandersetzung mit dem Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen vonstatten, das wenig Verständnis für den (an sich nicht genehmigungspflichtigen) Erwerb des Regina zeigte. „Denn“, so klagt Cordes, „die Herren in Berlin kannten ja die Situation hier nicht, von denen hat doch niemand früher im Regina getanzt.“

Bald war allen Beteiligten klar, daß ein reines Bürohaus nach dem viel zu kostspieligen Umbau niemals die erforderliche Rendite bringen würde. So mußte man sich etwas Neues einfallen lassen. Es wäre „auch schade gewesen, so viel schönen Raum zur Bürowüste zu machen“, argumentiert Cordes. Läden waren von Anfang an eingeplant. Nun aber konzipierte man sozusagen als „zweites Haus“ – mit dem Bürokomplex ineinanderverschachtelt – eine Art Einkaufs- und Unterhaltungszentrum mit rund 5000 Quadratmetern. Den Generalmieter dafür fand man in dem Pächter und Manager des „Citta 2000“ in der Münchner Leopoldstraße, Malte C. Grünwald. Er soll mit seiner „Regina Haus am Maximiliansplatz Verwaltungs-GmbH“ aus der Not eine Tugend machen.

Im Gegensatz zur „Citta“, die auf Teenager und Twens abgestellt ist, will man hier vor allem „die reifere Jugend gehobenen Standes“ (Cordes) durch etwa 35 Geschäfte und Boutiquen, elegante und gemütliche Restaurants, einen Nightclub und ein 300-Plätze-Theater anlocken. Auch ein Ableger des Feinschmeckerlokals „Tantris“ unter dem Namen „La Cuisine“ kommt in den „Regina Point“.

Grünwald weiß allerdings, daß die „2-b-Lage“ am Rande der eigentlichen City zunächst entsprechend „verkauft“ werden muß. Beim Start im September soll ein zehntägiges „Eröffnungs-Festival“ die nötige Publizität geben. Für rund die Hälfte des von ihnen „bis ins Jahr 2000“ angemieteten Areals hat er bereits „Untermieter“ gefunden. Grünwald selbst hat mit der Versicherung eine feste Miete vereinbart – an die zwei Millionen Mark im Jahr – und verlangt auch seinerseits feste Beträge von seinen Partnern.

So kann Cordes alles in allem auf eine Rendite von netto vier Prozent hoffen. Damit werde das von den Berliner Aufsehern vorgeschriebene Minimum überschritten; Im übrigen steht im Bürohaus noch eine Etage für einen fremden Mieter bereit.

Mit dem Projekt Regina hat die Versicherung in der ganzen Branche Furore gemacht; denn nun wird befürchtet, daß auf Grund der Abenteuer das Bundesaufsichtsamt in Berlin allgemein härtere Anlegevorschriften für die Gelder erläßt, die Versicherungsunternehmen von ihren Kunden als Prämie für Lebensversicherungen erhalten und anlegen müssen.

Die Münchner Lebensversicherungsgesellschaft insgesamt ist dennoch, so beteuert Cordes, gesund. Die 667 Millionen Mark Vermögensanlagen hätten 1977 fast 50 Millionen abgeworfen und die Beitragseinnahmen hätten bei 74 Millionen Mark gelegen.

Ein neuer Boß soll den guten Ruf der Münchner wiederherstellen. Der Aufsichtsrat berief zur Unterstützung des etwas hilflos gewordenen Restvorstands Alfred Breitenwieder, der hauptberuflich noch geschäftsführender Gesellschafter der zum Bankhaus Merck, Finck & Co. gehörigen Assekuranz- und Grundstücks-Maklerfirma Versicherungs- und Wirtschaftsdienst KG ist. Zwar versichert der umgängliche und gewandte Breitenwieser, daß über seinen Eintritt in den „1871“er Vorstand bisher „nichts Konkretes“ vereinbart sei, aber er will den Wechsel auch „nicht ausschließen“.

Am liebsten hätte Breitenwieser schon jetzt Schusters Sitz im Aufsichtsrat der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, an der die Versicherung seit Jahrzehnten ein Paket von 5 Prozent (heutiger Wert rund 100 Millionen Mark), hält, eingenommen. Aber Aufsichtsratsvorsitzender Anton Ernstberger fand kein Verständnis für das Ansinnen, daß in dieses erlauchte Gremium ausgerechnet ein Untergebener seines früheren Mentors August von Finck einziehen soll. Bei der Neuwahl des Aufsichtsrats am 24. Mai wird die Versicherung deshalb zunächst leer ausgehen.

Hermann Rössenecker