Von Hans C. Blumenberg

„Märchen wie Kolportage sind Luftschloß par excellence, doch eines in guter Luft und, soweit das bei bloßem Wunschwerk zutreffen kann: das Luftschloß ist richtig. Es stammt zu guter Letzt aus dem Goldenen Zeitalter und möchte wieder in einem stehen, im Glück, das von Nacht zu Licht drängt.“

Ernst Bloch, „Das Prinzip Hoffnung“

Der Mann heißt Schreiber, Klaus Mario Schreiber: ein magerer, gehemmter Mensch mit einem fürchterlichen Sprachfehler und blühender Akne im Gesicht, dazu ein chronischer Alkoholiker. Aber dieser Klaus Mario Schreiber schreibt schneller als er stottert. Im September 1947 betreibt er in einem Münchner Café einen florierenden Großhandel mit Geschichten aller Art: „Entsetzliche, fröhliche, drama... matische, sensationelle, erschütternde, rührende über kl... kleine Hunde und a... alte Damen, alles, was es gibt ... am meisten fröhliche, optimistische. In dieser beschissenen Zeit. Die ko... kosten natürlich am m... meisten.“ Schreiber, von allerlei psychischen Malaisen geplagt (Ödipus- nebst Minderwertigkeits-Komplex), läßt sich als Star-Autor der neuen Illustrierten „Okay“ anheuern. Und schreibt und säuft und säuft und schreibt: nicht nur fast den gesamten Text-Teil des Bilderblattes, sondern nebenbei auch noch Romane mit Titeln wie „Mich wundert, daß ich so fröhlich bin“ und „Das geheime Brot“. Die Kritiker loben ihn, aber Leser findet er mit diesen anspruchsvollen Büchern kaum.

Vierzehn Jahre und viele tausend Flaschen Chivas Regal später gelingt Klaus Mario Schreiber mit dem satirischen Agentenroman „Es muß nicht immer Hummer sein“ der Durchbruch zum internationalen Bestseller-Autor. Er kündigt bei „Okay“, leistet sich eine Entziehungskur und zieht mit der großen Liebe seines Lebens nach Monte Carlo. In den folgenden Jahren entstehen seine Hauptwerke „Bis zum letzten Tropfen“ (über Alkoholismus), „Schlaf, lieb Vaterland, schlaf ein“ (über das geteilte Deutschland und den Berliner Mauerbau) und „Alle Menschen werden blöder“ (über die Gefahren eines neuen Rechtsradikalismus). In den siebziger Jahren schlägt er mit den Romanen „Die Antwort kennt nur der Regenbogen“ und „Jeder ist eine Insel“ alle Auflagenrekorde. Aber vollkommen ist das späte Glück des Klaus Mario Schreiber immer noch nicht: „Im übrigen ist da etwas sehr Komisches passiert: Seine ersten sieben Bücher haben sich schlecht verkauft, aber die Kritiker in Deutschland haben wahre Hymnen über sie angestimmt. Jetzt gehen seine Bücher, was heißt gehen? – sie verkaufen sich rasend, und die Kritiker in Deutschland zerreißen den Mario Schreiber in der Luft. Wie es eben so geht im menschlichen lieben, würde der Arnusch Franzl sagen, der elende Schuft.“

Kein Satiriker hat sich diese kaum verschlüsselte Biographie des erfolgreichsten deutschen Gegenwarts-Schriftstellers Johannes Mario Simmel ausgedacht, sondern der Meister selber. Simmeis alter ego Klaus Mario Schreiber gehört zum Personal des neuen 735-Seiten-Superdings „Hurra – wir leben noch!“ Und die Art, wie Simmel diese Figur, die zum erstenmal auf Seite 245 und danach in unregelmäßigen Abständen immer wieder auftaucht, angelegt hat, erscheint exemplarisch für das ganze Buch: eine überraschungsreiche Mischung aus Selbstironie und wollüstigem Masochismus, optimistischem Schelmenstück und neudeutschem Katzenjammer. „Hurra – wir leben noch!“: das ist mehr als ein Titel, das ist ein Programm, ein Signal, dessen von Rezessions- und Terrorismus-Ängsten verfolgte Empfänger für jede frohe Botschaft empfänglich sind.

Das Ausrufungszeichen hinter dem Titel kündet von trotzigem Überlebenswillen, und Simmel, der in seinen letzten Büchern zunehmend düster und depressiv von überlebensgroßen Schurkereien und tragisch scheiternden Helden erzählt hatte („Die Antwort kennt nur der Wind“, „Niemand ist eine Insel“), ringt sich hier ein Grinsen ab. Der Lack ist ab vom deutschen Wunder, aber das Leben geht weiter. Die Ballade vom märchenhaften Aufstieg und jähen Sturz des Jakob Formann – 1946 ein hungriger Habenichts, 1956 ein aufstrebender deutscher Multi-Millionär, 1965 ein internationaler Wirtschafts-Tycoon, 1975 ein ruinierter Frührentner mit Sonne im Herzen – spiegelt, zu einem gigantischen Comic-Strip verfremdet, ein aktuelles deutsches Krisen-Bewußtsein, eine kollektive Ratlosigkeit nach den Jahren des rauschhaften Wachstums.