Von Rudolf Walter Leonhardt

Der Bonner Romanist Ernst Robert Curtius (1886–1956) war einer der letzten großen Universalgelehrten. Damit fängt das Porträt eines Wirtschaftsführers sonderbar genug an, aber nicht unpassend.

Curtius-Schüler zu sein, galt während der fünfziger und sechziger Jahre in intellektuellen Kreisen viel. Ich stelle mir vor, jemand hätte einige dieser Curtius-Schüler präsentiert und dann gefragt: Wer von diesen wird Lehrer (wie die meisten), wer Literat, wer Diplomat? Vielleicht hätten sich die Literaten herausfinden lassen: Walter Boehlich, Helmuth de Haas, Hellmut Jaesrich. Aber bei den Diplomaten hätten mit Sicherheit alle auf Nikolaus Fasolt getippt. Richtig gewesen wäre: Kurt Müller, heute Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes. Nikolaus Fasolt hingegen trat in eine Fliesenfabrik ein. Wir konnten das damals nicht fassen.

Was machte ein Offizier des Zweiten. Weltkrieges im Jahre 1945? Er studierte, sofern ihm das die Besatzungsmächte erlaubten. Oft war er ja auch nur Offizier geworden, weil er das Abitur gemacht und damit die Berechtigung zum Hochschulstudium erworben hatte.

Die Zeit am Gymnasium lag viele Kriegsjahre zurück. Man wußte so gut wie nichts mehr davon. Andererseits war uns damals nicht nach langem Studium zumute. Wir hatten so viel nachzuholen. Also studierte man möglichst etwas, was man "schon konnte". Deutsch zum Beispiel.

Wie viele andere begab sich Nikolaus Fasolt in die germanistische Vorlesung. Der Oberstudiendirektor Wilhelm Schneider interpretierte dort Anette von Droste-Hülshoffs Erzählung "Die Judenbuche". Das fand Fasolt eher entbehrlich.

Also Französisch. Er konnte eben nicht nur die Sprache, in der man am besten mit Feinden, sondern auch die, in der man am besten mit Freunden spricht. Diese Unterscheidung zwischen Deutsch und Französisch stammt von Kaiser Karl V. Der junge Fasolt hatte Berlins berühmtes Französisches Gymnasium besucht.