Von Ulrich Völklein

Dortmund

Pfingstsamstag: Vor der Dortmunder Westfalen-Halle sitzen 300 junge Leute in der Sonne, sie nennen sich „Club Che Guevara“ und singen gemeinsam mit der Folk-Gruppe „Hausmannskost“ das Lied von der „freien Republik“, in der es weder Jugendarbeitslosigkeit noch Interessenkungelei und bürgerferne Obrigkeit gibt. Sie trinken Wein und Bier, aber auch Rettichschnaps und Stutenmilch, halten eine Bratwurst in der Hand oder balancieren einen Teller mit körniger, safrangelber Paella auf den Knien.

Die 300 gehören zu jenen 180 000 Besuchern, die am vergangenen Wochenende zu der größten Massenveranstaltung kamen, die jemals in Dortmund stattgefunden hat: zum „Festival der Jugend ’78“. Eingeladen hatten die „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ (SDAJ) und der „Marxistische Studentenbund Spartakus“ (MSB).

Pfingssonntag: Etwa 300 Zuhörer, Studenten meist, verfolgen eine Podiumsdiskussi’on zwischen Vertretern verschiedener Jugendverbände. Es geht um „Aktionseinheit“ und Perspektiven linker Politik in der Bundesrepublik Deutschland. Will man trotz weltanschaulicher Unterschiede gemeinsam handeln, sich zu Einzelaktionen zusammenfinden, ist das überhaupt möglich und wünschenswert?

Ein „Ort des Dialoges“ sollte das Festival sein, der „politischen Debatte, bei der kein Thema tabu ist“, forderte Wolfgang Gehrcke, Bundesvorsitzender der SDAJ, aber auch „der Lebensfreude, auf die wir alle ein Anrecht haben“. Kurz: Die Jugendorganisationen der DKP wollten zeigen, daß sich mit ihnen feiern und streiten läßt.

Dafür planten sie ein volles Jahr, 4500 Helfer investierten Urlaubstage und viel Freizeit in die Vorarbeiten. 1500 Künstler traten meist ohne Gage auf, 42 ausländische Jugend- und Studentenverbände nutzten die Gelegenheit, sich selbst und ihr Land durch Informationsstände und lukullische Köstlichkeiten vorzustellen.