Von Josef Joffe

In diesem Jahr, dem „Jahr der Abrüstung“, wird die Rüstung in der ganzen Welt 400 Milliarden Dollar verschlingen. Die Atomwaffen-Arsenale der beiden Supermächte reichen heute schon aus, um jede Stadt der Welt siebenmal zu zerstören; dennoch kommen täglich drei Bomben hinzu. Die Durchschnittsfamilie bringt mehr Steuergelder für die Rüstung auf als für die Schulbildung ihrer Kinder. In der Dritten Welt kommt ein Soldat auf 250 Einwohner, aber 3700 müssen mit einem einzigen Arzt auskommen. Die Hungerländer dieser Welt stecken fünfmal so viel Devisen in den Import von Waffen wie in die Einfuhr landwirtschaftlicher Maschinen.

Vor diesem bedrückenden Hintergrund ist in New York eine Sonderversammlung der Vereinten Nationen zusammengetreten, die sich dem hehren Ziel verschrieben hat, dem Wettrüsten endlich Einhalt zu gebieten. Der Aufwand ist ohne Beispiel in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Vertreter von 149 Nationen, darunter ein beachtliches Aufgebot von Regierungschefs und Außenministern, werden fünf Wochen lang am East River die Gefahren und Kosten des Rüstungswettlaufs anprangern. Zum Schluß soll die „größte und repräsentativste Versammlung, die sich je mit Abrüstung beschäftigt hat“ – so UN-Generalsekretär Kurt Waldheim – einen Prinzipienkatalog und ein Aktionsprogramm absegnen, das zumindest die finanzielle Bürde der weltweiten Rüstung verringern soll.

Wird sich der Aufwand lohnen? Oder werden die Abrüster wieder einmal Berge kreißen lassen und fünf Wochen später doch nur Mäusen ans Licht der Welt verhelfen? Keiner unter ihnen, der sich dem Grundsatz der Rüstungsbegrenzung verschließen möchte. Doch so einig sie sich in ihren edlen Bekundungen auch sein mögen – die Teilnehmer der New Yorker Mammutveranstaltung haben nicht nur Eintracht im Sinn. Auch diese Konferenz wird die alte Erkenntnis nicht entwerten können: Abrüstung ist die Fortsetzung von Interessenpolitik mit idealistischen (oder propagandistischen) Mitteln.

Allein die Entstehungsgeschichte der UN-Sondersitzung stimmt skeptisch. In den fünfziger Jahren hatte sich die Sowjetunion die Parole der „allgemeinen und vollständigen Abrüstung“ aufs Panier geheftet, um den atomaren Vorsprung der Amerikaner zu neutralisieren und den Aufbau der Nato zu bremsen – aus dem gleichen Grund sperrte sich der Westen. Im Jahre 1961 erfanden die „Blockfreien“ auf ihrem ersten Gipfeltreffen in Belgrad die Idee einer Weltabrüstungskonferenz, um den Großmächten die Zähne zu zeigen und den Chinesen, denen die Aufnahme in die Vereinten Nationen blockiert blieb, ein Hintertürchen in die Foren der Weltdiplomatie zu öffnen.

Damals sträubten sich sowohl die Amerikaner als auch die Russen, denn beiden war jede diplomatische Aufwertung Chinas ein Greuel. Doch 1971 gelang China der Sprung in die Vereinten Nationen, und angesichts der Zusammenstöße am Ussuri (März 1969) begann Moskau sich mit dem Projekt einer Weltabrüstungskonferenz anzufreunden. Der Kreml hoffte, Propagandapunkte gegen die chinesischen „Kriegstreiber“ sammeln zu können. Im Laufe der siebziger Jahre erwärmte sich wiederum der Westen für die Konferenzidee; er hoffte, die gewaltige Rüstungsanstrengung der Sowjets und ihr afrikanisches Abenteuertum an den Pranger der Weltöffentlichkeit stellen zu können. Inzwischen freilich hat sich die Abrüstungsbegeisterung der Dritten Welt gelegt: Die meisten von ihnen haben ihre militärische Unschuld längst verloren; viele „Blockfreie“ gehören mittlerweile zu den schlimmsten Rüstungs-Sündern der Welt.

Seit dem Abrüstungsappell von Belgrad sind die Militärausgaben der Dritten Welt viel schneller gewachsen als die der hochentwickelten Länder. Und je ärmer das Land, desto verschwenderischer die Rüstungsinvestitionen: Das ärmste Fünftel der Weltbevölkerung gab 1976 insgesamt 3,2 Prozent des Sozialprodukts für Wehr und Waffen aus; 1960 waren es nur 1,9 Prozent gewesen. Im selben Zeitraum sanken die Militärbudgets im reichsten. Fünftel der Weltbevölkerung von 7 auf 5,6 Prozent des Bruttosozialprodukts ab.