Von Klaus-Peter Schmid

Seit ein paar Wochen ist die französische Sprache um ein seltsames Wort reicher. Es heißt télématique, und es wäre gar nicht verwunderlich, wenn es als Telematik bald auch in den deutschen Wortschatz eingehen würde. Denn wenn man den Erfindern, der Vokabel glaubt, wird die Telematik neben der Energie zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Industrienationen aufsteigen und gleichzeitig bisher kaum gekannte Probleme schaffen.

Das Wortungeheuer entstand aus der Verbindung von Informatik und Telekommunikation, steht also für den weltweiten Zusammenschluß der Computeranlagen durch ein engmaschiges Übermittlungsnetz. Ein Untersuchungsbericht, der jetzt in Paris veröffentlicht wurde und erregte Diskussionen ausgelöst hat, spricht von „schwindelerregenden Perspektiven“. Und er läßt keinen Zweifel daran, daß Frankreich genau wie andere industrialisierte Länder der Entwicklung nicht auszuweichen vermag, sie aber zum Guten wie zum Schlechten lenken kann. Es müssen lediglich einige Weichen richtig gestellt werden – und nicht erst in zehn Jahren.

Die Autoren des Reports, zwei hohe Beamte, interviewten einige hundert Spezialisten und studierten amerikanische, japanische und deutsche Dokumentationen.Dabei fiel ihnen vor allem eines auf: In den letzten zehn Jahren ist die Computertechnik nicht nur handlicher, sondern auch um vieles billiger und damit für fast jedermann zugänglich geworden. Wäre der Preis eines Rolls-Royce in den vergangenen zehn Jahren so schnell gefallen wie der einzelner elektronischer Schaltelemente, dann würde er heute nicht einmal mehr eine müde Mark kosten.

Diese „Masseninformatik“, über Telephon, Bildschirm oder Satellit zu großen Informationsnetzen zusammengeschlossen, wird zu einer Art Spiel ohne Grenzen, allerdings auch zu einem Spiel mit ganz erheblichen Risiken. Erstes Risiko, das vor allem angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise schreckenerregend wirkt: die Gefährdung von Arbeitsplätzen.

Vor allem Dienstleistungsbetriebe werden sich zur Verbesserung ihrer Produktivität auf die neuen Techniken stürzen. In zehn Jahren, so wird vorgerechnet, wenden die Banken auf ein Drittel ihres heutigen Personals verzichten können. Eine simple Kundenkarte wird zum Beispiel genügen, um an jedem beliebigen Bankschalter den Kontostand von einem zentralen Computer abzurufen und Abbuchungen oder Einzahlungen vorzunehmen. In den USA wird bereits an Systemen gearbeitet, die Stimmen erkennen und daran die Legitimation eines Kunden feststellen können.

Aus Wettbewerbsgründen dürfte es sich keine Bank leisten können, dieses Rennen um mehr Produktivität nicht mitzumachen. Gleiches gilt für das Versicherungsgewerbe, wo man heute schon viele Früchte der Telematik ernten könnte, in Frankreich aus Angst vor den Gewerkschaften aber noch zögert. Die internationale Konkurs renz wird den Druck zur Nutzung der neuen Technik aber bald verschärfen. Auch der riesige Apparat der Sozialversicherung wird der \„Informatisierung“ nicht entrinnen; denn hier wird der Staat nicht ewig Defizite decken, wenn sie vermeidbar scheinen.