ARD, Sonntag, 28 Mai: „Fußball ist unser Leben“, Macht und Einfluß des DFB, Bericht von Jürgen Bertram und Lutz Mahlerwein

Ein Film, der den Charakter einer Anklageschritt hatte – eines bebilderten Plädoyers in Sachen Deutscher Fußball-Bund. Die Autoren Bertram und Mahlerwein fungierten als Staatsanwälte, die, zwischen der Tagesschau und der verlorenen Ehre der Katharina Blum, ein kurioses Fabelwesen vorführten: so hehr, so lauter und so altvorderlich der Wortschatz der Fußball-Ideologen (Ordnung, Recht und Sauberkeit, Kameradschaft, Lust und Liebe zur Sache) – und so unbekümmert die Machtausübung und das nackte Geschäft.

Hüben der Kampf für Deutschland (Kaubewegungen beim Anhören der Nationalhymne strikt untersagt) und drüben der Kampf um Moneten (Beckenbauer: „Das Geld hat uns zusammengeschweißt“), hüben die Ehre der Nation und drüben der Handel mit Menschen – der Ankauf von Gladiatoren, die, wie die Vertreter der Anklage nachweisen konnten, bereits als Vierzehnjährige gedingt werden (erst das Fahrrad, dann der Arbeitsplatz, „unser Mäzen wird dich als Lehrling ausbilden“, und schließlich die Gage des gekauften, verpuppten und abgestoßenen Stars): die Diskrepanz zwischen geliehenen Sprüchen und schlichter Wahrheit wurde exakt herauspräpariert. Schein (Buenos Dias Argentina) und Sein (Fußball im Schatten der Bajonette), Ideologie (Keuschheit des Amateursports) und Geschäft (zum Fußball-Toto gehört eine Spielbank) sahen sich Punkt für Punkt einander gegenübergestellt. So viele weihevolle Worte, so viele unverhüllte Pressionen: und immer im Glanz der Macht – vor dem Herrn General einen tief-tiefen Diener gemacht und den Leuten von amnesty international die kalte Schulter gezeigt!

Aber warum ist das so? Weshalb eigentlich kann er sich so unangefochten behaupten, dieser Staat im Staate mit seiner eigenen Gerichtsbarkeit, mit seiner autoritär geprägten Organisationsform, der ohnmächtigen Basis und der allgewaltigen Exekutive – und wieso kann er sich’s leisten, jeden Unbotmäßigen als Ketzer auf den Index zu setzen? Warum ist der Fußball so populär und sein Verband so unbeliebt? Diese Frage hätte mit Hilfe eines historischen Rückgriffs und eines kritischen Vergleichs mit anderen Sportverbänden (im In- und Ausland) gestellt werden müssen.

Beschreibung allein, oberflächliche Bestandsaufnahme genügt nicht. Auf die Analyse kommt es an – und die müßte zeigen, woher eine Macht rührt, die, gestützt auf Justiz und Kommerz, in Struktur und Ideologie über die Zeiten hinweg „deutsch-national“ geblieben ist. Der DFB: ein obrigkeitsstaatlicher Staat auch in republikanischer Umgebung – ein Staat freilich (auch dies hätte die kritische Analyse zu zeigen), der auf tönernen Grundlagen ruht. Ein kleiner Aufstand in der Provinz, in Sportheimen und Stadt-Parlamenten ... ach, noch nicht einmal ein Aufstand, nur ein schlichtes Sich-Verweigern gegenüber den DFB-Oktrois (Oktrois im Stil von: entweder Flutlicht oder Lizenzentzug für euren Verein, den Stolz der Stadt), nur ein bißchen mehr Mannesmut und Solidarität, – und schon würde sich die Aktualität einer berühmten Geschichte erweisen. (Gemeint ist Hans Christian Andersens Märchen vom Potentaten und vom Kind, das schrie: „Da schaut her! Der Kaiser ist nackt!“) Momos