Anders als in Italien oder Jugoslawien sind schwere Erdbeben in Mitteleuropa glücklicherweise selten. Hier wackeln meist nur die Lampen, wenn sich der Hohenzollerngraben unter der Schwäbischen Alb ein wenig rührt oder wenn im Raum Köln–Aachen der Untergrund zittert. Folglich gibt es in der Bundesrepublik neben einem Dutzend seismologischer Stationen der Universitäten nur zwei regionale Erdbebendienste – eben in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen. Weitgehend unbekannt aber ist, daß die Bundesrepublik auch im internationalen Maßstab Erdbebenforschung betreibt – und zwar mit Hilfe ihres „Seismologischen Zentralobservatoriums“ in Erlangen bei Nürnberg.

Auf den ersten Blick ist dieser Standort weitab vom nächstgelegenen Kleinbebenzentrum ungewöhnlich. Aber die Aufgabenstellung des Observatoriums liegt in der Fernbeobachtung der Bebentätigkeit im globalen Maßstab. Für diesen Zweck bietet sich die geologisch einheitliche Platte des Fränkischen Jura zwischen Main und Donau geradezu an.

Das hatten die Amerikaner schon Ende der fünfziger Jahre erkannt. Im Zusammenhang mit der Genfer Abrüstungskonferenz, wo sich die Großmächte auf unterirdische Kernwaffentests beschränkt hatten, errichteten die USA fünfzig seismologische Kontrollstationen, darunter drei im Ausland. Eine dieser drei Stationen entstand auf dem Jura nahe dem Städtchen Gräfenberg bei Erlangen.

Diese neuen Stationen der Amerikaner – und wohl auch der Sowjets – beschleunigten den Fortschritt der Seismologie erheblich. Denn während bis dahin nur punktuell registrierende Seismometer an einem Standort üblich waren, entstanden nun erste antennenähnliche Anlagen mehrerer Seismometer im Umkreis einiger Kilometer. Mit diesem System konnten die Bebenwellen präziser als vorher erfaßt und ausgewertet werden.

Dieses sogenannte Array- oder Netz-System wurde nach der Übernahme der ausgedienten amerikanischen Jura-Station durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Bundesanstalt für Geowissenschaften in Hannover – die beiden Träger des Erlanger Seismologischen Zentralobservatoriums (kurz: SZO) – zu einem wissenschaftlich noch ergiebigeren Instrumentarium weiterentwickelt.

„Wir wollten“, sagt Dr. Helmut Aichele vom SZO, „vom bloßen Erfassen der seismischen Signale dahin kommen, möglichst alle darin enthaltenen Informationen zu quantifizieren und auszuwerten. Dazu mußte ein Datenerfassungsystem entwickelt werden, das in der Lage ist, seismische Signale in einem sehr breiten Frequenzband und großen Dynamikumfang zu registrieren und zu verarbeiten.“

Nach positiv verlaufenen Tests entsteht nun... in Zusammenarbeit mit Schweizer Seismologen eine einhundert Kilometer lange und fünfzig Kilometer breite „Erdbeben-Antenne“. Dieses Millionenprojekt erfordert insgesamt zehn einzelne Erdbebenstationen zwischen Main und Donau, etwa im Dreieck Bamberg–Amberg–Ingolstadt, die allesamt über eigens verlegte Telephonleitungen untereinander verbunden sind.