Hamburg

Conrad Ahlers, Chefredakteur der SPDeigenen Morgenpost, der seit eineinhalb Jahren einen strapaziösen Pendelverkehr zwischen seinem Kreuznacher Wahlkreis, dem Bonner Bundestag und dem Hamburger Pressehaus bewältigt, macht in diesen Tagen noch häufiger als sonst in der Hansestadt Station. Der Grund: Ahlers wird nicht nur als Chef, sondern auch als Seelsorger seiner Redaktion verlangt, denn die letzte große Zeitung der SPD ist wieder einmal ins Gerede geraten.

Die Morgenpost-Redakteure leiden seit langem unter Verunsicherung. Häufige Wechsel in der Chefredaktion und das wirtschaftliche Siechtum ihres Unternehmens, das vor allem durch den dazugehörenden, verlustträchtigen „Auerdruck“ verursacht wird, haben immer wieder für Aufregung gesorgt. Diesmal jedoch halten die Redakteure den Atem an, weil es ums Ganze geht. Die Sozialdemokraten suchen einen Partner für das angeschlagene Duo Morgenpost/„Auerdruck“.

Potente Namen wurden bereits zur Genüge genannt. Auf der Wunschliste stehen der Spiegel, das Verlagshaus Madsack in Hannover (Hannoversche Allgemeine) und der Kölner Verlag Neven Du Mont (Kölner Stadtanzeiger und Express). Gute Adressen allesamt. Aber ob sich die Morgenpost schon bald mit einer von ihnen schmücken kann?

Noch gehen die möglichen Geldgeber mit langen Fingern an die Sache heran. Hans Detlev Becker von der Geschäftsleitung des Spiegel stellt unmißverständlich klar: „Der Spiegel erstrebt und erwägt nicht, sich als Teilhaber der SPD an der Hamburger Morgenpost zu beteiligen.“ Im Hause Madsack heißt es, an Vermutungen über eine Beteiligung sei „nichts dran“. Und der Verleger Alfred Neven Du Mont verhehlt nicht seine „große Distanz“ zu dem Hamburger Projekt.

Die Ursachen für die Zurückhaltung liegen auf der Hand. Kein unabhängiger Verleger möchte eine Partnerschaft mit einer Partei eingehen, und sei es die SPD. Wohin parteipolitische Etikettierung der Presse führen kann, hat sich am Niedergang des sozialdemokratischen Zeitungsimperiums deutlich erwiesen. Zudem steht die letzte Pressebastion der SPD ganz offensichtlich auf schwachem Fundament. Zwar hat die Morgenpost im vergangenen Jahr mit Ahlers an der Spitze 10 000 Exemplare mehr verkauft, aber ihre Auflage von rund 230 000 ist weit gestreut. Das verursacht hohe Vertriebskosten und fördert nicht unbedingt das Anzeigenaufkommen. Als schwerster Klotz am Bein erweist sich aber seit langem der „Auerdruck“. Zwei Offsetmaschinen, vor Jahren teuer gekauft, setzen Staub an, und die Photosatz-Kapazitäten werden nur in einer Schicht benutzt. Millionenverluste, von denen die Branche spricht, bleiben da nicht aus.

In dieser Situation hat es SPD-Schatzmeister Friedrich Halstenberg schwer, einen Teilhaber zu finden. „Was wollt Ihr Herren, sagt an“, fragt Hans Detlev Becker die Sozialdemokraten in mittelalterlicher Manier. Ihre bisherige Antwort, gemeinsam mit anderen die „Erhaltung einer selbständigen, publizistischen Einheit ohne Gefährdung der Arbeitsplätze“ (SPD-Sprecher Schwartz) zu sichern, muß wohl unter dem Stichwort „Träume“ abgelegt werden.