Der Räuber: schon im Kasperle-Theater eine beliebte Figur. Dort signalisiert sie Gefahr, zudem eine für das zuschauende Kind ungefährliche, da es in sicherem Abstand sitzt und weiß, daß es dem Räuber am Ende an den Kragen geht. Man meint, durch den Räuber (wie auch durch das Krokodil und andere Schreckfiguren) lerne das Kind Grundkategorien des Lebens kennen: gut und böse, freundlich und beängstigend; lerne dadurch auch seine eigenen Ängste zu bearbeiten. In der erzählenden Kinderliteratur, die auf das Kasperlspiel nach der Zwischenphase des Bilderbuches folgt, wird die Figur des Räubers ebenfalls gern verwendet, eine Gegenmacht, an der man, durch die Phantasie, seine Kräfte erproben kann, über die man den Wert von Besitz und Eigentum schätzen lernt (Hotzenplotz-Geschichten von Otfried Preußler, Wiemers „Der gute Räuber Willibald“).

Der Räuber als literarische Figur wirkt auf Kinder faszinierend, bedeutet prickelnde, gleichwohl überwindbare Gefahr, ist – psychoanalytisch gesprochen – Projektionsfigur, durch die man sich im angenehmen Gefühl sonnen kann, bei der „guten Mehrheit“ zu sein. In der Literatur für die etwas Älteren führt er dann in Gestalt des Kriminellen in Detektiv- und Kriminalgeschichten sein Leben fort, hat dann aber bereits eine Karriere in der Psyche des Heranwachsenden hinter sich, während der er sich allmählich zum Feindbild verfestigt hat. Um die Auflösung dieses Stereotyps bemühen sich seit einiger Zeit historische Räuberbiographien. Sie knüpfen an das Robin-Hood-Motiv an, des „Rächers der Enterbten“, des Unterdrückten, Erniedrigten. So

Tilman Röhrig: „Mathias Weber, genannt der Fetzer Anrich Verlag, Neunkirchen; 287 S., 22,– DM,

die minuziöse Schilderung der Raubzüge, Überfälle und Fluchtbewegungen eines Räubers aus dem Umkreis des berühmt-berüchtigten Schinderhannes, fast ein Kolossalgemälde der verworrenen Zustände zur Zeit der Napoleonischen Kriege um 1800 herum. Ihm fügt das Buch von

Gerold Anrich: „Räuber, Bürger, Edelmann, jeder raubt, so gut er kann“; die Zeit der großen Räuberbanden 1790–1803; Anrich Verlag, Neunkirchen; 131 S., 15,– DM

die zum richtigen Verständnis der Fetzerschen Raubzüge notwendigen sozialhistorischen Fakten hinzu, um die Ursachen der Bandenblütezeit bloßzulegen und zu verhindern, daß Röhrigs Räuberbiographie bloß als spannendes Abenteuer konsumiert wird. Die Räuberfigur wird durch eine Fülle historisch belegten Materials aus ihrer bloß psychologischen Funktion als Projektionsobjekt herausgeholt und von ihrem historischen Hintergrund aus verstanden. Das ist gewiß anstößig, insofern es den Räuber nicht bloß „erklärt“, sondern in gewisser Weise auch zu rechtfertigen scheint mit den gesellschaftlichen Umständen, aus denen er hervorwuchs.

Als ein Seitenstück dazu kann, obwohl den historischen Sachverhalt gänzlich anders verarbeitend,