Von Peter Gillhofer

Nordheim

Als der Winzer Erwin Christ Anfang des Jahres seine Existenz bedroht sah, verließ er Rebe und Weinstock und stieg auf die Barrikaden. Mit ihm schlossen sich die 956 Einwohner des unterfränkischen Dörfchens Nordheim zur ersten Demonstration ihres Lebens zusammen. Auf rund 100 Traktoren ratterten die erbosten Winzer zum Versammlungsplatz, bauten nach städtischem Muster einen Informationsstand auf, verteilten Flugblätter, skandierten Sprechchöre. Rasch wurde eine Bürgerinitiative gegründet, der jetzt eine gerichtliche Entscheidung zur Hilfe kam.

Die Bauern waren gegen die Soldaten ins Feld gezogen. Denn die Bundeswehr wollte unmittelbar an der Mainschleife bei Volkach-Nordheim einen Pionier-Wasserübungsplatz anlegen. Edle Tropfen wie die fruchtig-herben Lagen des „Nordheimer Vögelein“ oder des „Nordheimer Kreuzberg“ waren in Gefahr. 400 Hektar Weinhänge mit den Reben des vollmundigen Sylvaners und des bouquettreichen Müller-Thurgau standen den Interessen der Vaterlandsverteidigung im Wege.

Zwar benötigten die Pioniere nur 40 Hektar Land. Doch wollten sie lieben ihrem Truppenübungsplatz auch noch Unterkünfte für zwei Bataillone bauen. 16 Lagerhallen sollten am Mainufer zwölf Meter in die Höhe schießen. Da sie gleichzeitig auch je 25 Meter lang und breit geplant waren, würden die Hallen eine regelrechte Barriere zum Flußufer hin bilden. Die skeptischen Nordheimer holten Gutachter zur Hilfe, und die Gelehrten errechneten infolge der Bauten einen Kaltluftstau in den Weingärten, weil die Luft bei den dort häufigen Spät- und Frühfrösten nicht mehr ungehindert ins Flußbett abfließen könnte. Die Folge: Die Trauben würden an den Stöcken erfrieren. Den Winzern dämmerten Erinnerungen an Zivilisationsschäden früherer Jahre in den Weinbergen. Damals hatte der Rebensaft, plötzlich einen rauchigen Nebengeschmack auf der Zunge hinterlassen. Erst nach eingehenden Untersuchungen war man darauf gekommen, daß die Schwaden der Dampflokomotiven den Wein geräuchert hatten.

Hilfesuchend wandten sich die Weinbauern an ihre Volksvertreter. Doch die zuckten nur mit den Achseln. „Nichts mehr zu machen“, hieß es. Die Regierung von Unterfranken enteignete die renitenten Bauern kurzerhand, als diese ihren Grund nicht freiwillig an die Soldaten abgeben wollten. Aber die Nordheimer ließen sich nicht ins Bockshorn jagen. Als plötzlich über Nacht Bagger und Baumaschinen auf das Gelände rasselten, reagierten die Winzer mit Bauernschläue. Flugs zogen sie um den gesamten Baugrund auf gemeindeeigenem Boden einen mächtigen Zaun und sperrten die Zufahrtsstraßen. Der Protest der Bundeswehr half nichts: Die Baustelle mußte mühsam über den Fluß versorgt werden.

Die aufgebrachten Nordheimer beließen es aber nicht bei Sabotageakten am Rande der Legalität, sondern wandten sich an die Gerichte. Das Bayerische Verwaltungsgericht hatte nun ein Einsehen mit ihrer Not und rechtfertigten den Winzer-Widerstand per Gerichtsbeschluß. Es hängte die Trauben der Bauern höher als die Ausbildung der Soldaten. In der Urteilsbegründung hieß es: „Es ist nämlich davon auszugehen, daß die Förderung des Weinbaus in einem Weinbaugebiet, wie dem vorliegenden, eine wesentliche kommunale Aufgabe darstellt.“