Von Gunhild Freese

Arno Specht, Lebensmittel-Händler, in Wuppertal-Elberfeld, ist, so preist die Hamburger Edeka-Zentrale ihr Mitglied, „ein nachahmenswertes Beispiel“. Trotz härtestem Wettbewerb rund um seinen nur zweihundert Quadratmeter großen Laden hat sich der gebürtige Thüringer, der seit 1952 selbständig ist, nicht nur behauptet, sondern sogar Umsatz gewonnen. In seiner näheren Umgebung sind ein Metzger, ein Bäcker, ein Aldi-Markt, zwei Nachbarschaftsläden, ein weiterer Niedrigpreisladen sowie – nur 600 Meter entfernt – ein zweitausend Quadratmeter großer Verbrauchermarkt. „Mein Rezept“, erläutert Kaufmann Specht, „sich auf keinen Fall ins Fahrwasser der Verbrauchermärkte oder ähnlicher Billig-Anbieter ziehen zu lassen – denn das wäre tödlich.“

Statt dessen verstärkte Specht den Dienst am Kunden. Und das gelang dem Edeka-Kaufmann mit Frischprodukten. So richtete er in seinem Laden eine regelrechte Metzgerei mit einem Metzgermeister ein. Obst und Gemüse, das er zunächst abgepackt in Selbstbedienung hatte, wurde auf Bedienung umgestellt. Specht: „In Geschäften unserer Größenklasse will der Kunde keine abgepackte Ware.“ Und schließlich bot er – ebenfalls in einem Shop-in-the-Shop – stets frische Backwaren und Brot, Salate und Käse an. Spechts Bilanz für 1977: ein Umsatzplus von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Edeka, die das Beispiel des Kaufmanns Specht vielen ihrer Mitglieder zur Nachahmung empfiehlt (Stichwort: „Konsequente Schwerpunktbildung“) hält für ihre Klientel ein weiteres nachahmenswertes Vorbild parat: das Berliner Kaufhaus des Westens, Flaggschiff des Hertie-Konzerns. „Problemlose Ware in Selbstbedienung, problemvolle – insbesondere hochwertige Frischware – in Bedienung. Dies dürfte“, so machten die Edeka-Oberen im fünftausend Quadratmeter umfassenden Lebensmittelbereich des KaDeWe aus, „in etwa die Tendenz sein, die sich in deutschen Lebensmittelgeschäften immer stärker zeigen wird.“

Nicht nur im Lebensmittelbereich, möchte man hinzufügen, im gesamten Einzelhandel prägt sich dieser Trend immer deutlicher aus. Denn seit einigen Jahren vollzieht sich im Handel eine Umschichtung zugunsten der Fachgeschäfte. Fritz Conzen, Präsident der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels, sprach sogar von einer „Renaissance des Fachgeschäfts“. Spitzenreiter, so bilanzierte das Münchner Ifo-Institut das vergangene Handelsjahr, „waren die Großfilialunternehmen, die in allen Fachbranchen deutlich über den Ergebnissen anderer Angebotsformen lagen“. Lebensmittelfilialisten etwa (Händler mit mehr als fünf Geschäften) machten nach Ifo-Berechnungen ein Plus von rund zehn Prozent, Textilketten lagen sogar bei 15 Prozent Plus.

Schwerer hatten es allerdings kleine und mittlere Fachgeschäfte. Sie verloren, wie die Nürnberger Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GfK) ermittelte, Umsatzanteile. Die Diskrepanz zwischen den beiden Fachhandelsgruppen liege vor allem in der unterschiedlichen Sortimentsbreite und -tiefe. Der einzelne Fachhändler, so lautet die Begründung der GfK, sei heute vielfach überfordert bei Sortiments- und Preispolitik, Werbung oder Marktinformation.

Auch Versandhaus-Unternehmen mit einem Umsatzplus von 9,1 Prozent sowie Selbstbedienungs-Warenhäuser und Verbrauchermärkte mit plus zehn Prozent gehörten zu den Gewinnern. „Abgeschlagen“, so Ifo, „wurden vor allem die Warenhäuser.“ Mit dem mageren Umsatzzuwachs von 2,1 Prozent lagen die Konzerne, die in diesen Wochen ihre trüben Bilanzen 1977 der Öffentlichkeit präsentieren müssen, an der letzten Stelle. Dabei hat der größte der deutschen Warenhauskonzerne, die Essener Karstadt – AG, noch am besten abgeschnitten. Ihr Umsatz kletterte um sechs Prozent (ohne Neckermann). Doch nach Abzug der Preissteigerungen und der neuen Verkaufsflächen rutschte Karstadt sogar ins Minus.