Nach außen hin geben sich die Parteien unbesorgt und beinahe schon gelangweilt über die Ankündigung des Steuerbeamten-Vorsitzenden Hermann Fredersdorf, zur kommenden Bundestagswahl mit einer Steuerprotest-Partei anzutreten. Doch dieser Anschein trügt. So hat zu Beginn der Woche das FDP-Präsidium eine Steuer-Kommission eingesetzt, die unter der Leitung Liselotte Funckes über einfachere und für die Bürger besser tragbare Steuergesetze nachsinnen soll.

Gleichzeitig unternimmt die SPD mancherlei Anstrengungen, ihren auf die abschüssige Bahn geratenen Genossen Fredersdorf zu halten. Partei-Bundesgeschäftsführer Egon Bahr soll Fredersdorf bereits einen sicheren Wahlkreis in Aussicht gestellt haben – freilich ohne damit den selbsternannten „Rebellen“ auch nur im mindesten zu beeindrucken. Fredersdorf scheint nunmehr fest entschlossen zu sein, seine Partei wirklich zu gründen, zumal ihm die Tübinger Wickert-Institute auf Grund einer Blitzumfrage eingeredet haben, daß 40 Prozent der Wahlberechtigten bereit seien, eine Steuerprotest-Parteî zu wählen.

In Wahrheit wird sich Fredersdorf indes überaus glücklich fühlen müssen, wenn ihm auch nur der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde gelingen sollte. Eher sollte man damit rechnen, daß er darunter bleibt und anderen Parteien Stimmen wegnimmt – wobei es jede Partei treffen könnte.

Unerfindlich ist, was Bahr sich eigentlich bei seinem Angebot gedacht hat: Einen Mann wie Fredersdorf könnte die SPD-Bundestagsfraktion nur dann verkraften, wenn sie in der Opposition stünde. Bliebe sie auch nach 1980 Regierungspartei, so müßte sie ein ums andere Mal auf die gleiche Weise um Fredersdorfs Loyalität buhlen wie heute um das Wohlverhalten ihrer Handvoll Linker.

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Wirkungen dürfte die neu entfachte Steuer-Diskussion indes schon geraume Zeit vor der Bundestagswahl haben: Vieles spricht dafür, daß der Einkommensteuer-Tarif nicht erst zum Beginn des Jahres 1980 reformiert und gemildert wird, wie es Bundesfinanzminister Hans Matthöfer vorsichtig angedeutet hat, sondern bereits zum kommenden Jahresbeginn,

Offiziell tut das Finanzministerium zwar noch so, als führe es rein gar nichts im Schilde. Tatsächlich aber sind die Vorarbeiten für einen neuen Tarif bereits abgeschlossen.