Freiburg im Breisgau

Muß man dem Heimatdichter und Maler Hermann Burte „seine zwölfjährige Anpassung an den Nationalsozialismus“ verzeihen, und darf man nach „dem umstrittenen Schöpfer wertvoller alemannischer Gedichte“ eine Schule benennen, den Schülern zum Vorbild? Oder handelt es sich um einen „Blut-und-Boden-Dichter“, eine „geistige Potenz im Dienst Hitlers“, einen Mann, der „kein Vorbild für die Jugend“ ist? Solche Fragen und Formeln werden im Augenblick in erregter Diskussion in zwei südbadischen Gemeinden des Markgräflerlandes aufgeworfen. Der Mundartpoet Hermann Strübe, genannt Hermann Burte, würde nicht nur, lebte er noch, nächstes Jahr seinen 100. Geburtstag feiern, was nach Ansicht seiner Anhänger „würdig“ begangen werden soll. Es handelt sich in den beiden Gemeinden auch um die Namen der dortigen Schulen: In Efringen-Kirchen streitet man, ob die Hermann-Burte-Schule wieder umgetauft werden, muß, in Maulburg Wollte ein biederer Gemeinderat die Schule just zum Jubiläuft! nach Hermann Burte, dem Sohn und Ehrenbürger des Dorfes, benennen.

Der Mann, um den gestritten wird, hinterließ 1962 ein in vieler Hinsicht zweisprachiges Lebenswerk. Die ihn heute ehren wollen, haben fast ausschließlich seine alemannischen Gedichte im Sinn. Sie nennen ihn einen Nachfolger Johann Peter Hebels und greifen damit wohl etwas hoch. Seine Gegner meinen eher Burtes Hochdeutsches, das zu großen Teilen in der Zeit des Dritten Reiches entstand. 1938 dichtete Burte, nachdem er sich in der Weimarer Zeit von der Demokratie und von den Farben Schwarz-Rot-Gold distanziert hatte: „Schaudernd erkenne ich / Leben ist Raub! / Mord hält am Leben / Schaue Natur an / Fraß oder Fresser, / Volk, mußt Du sein.“

In einem Gedicht mit dem Titel „1941“ unterstützt Burte bereits die Durchhalteparolen Goebbels: „Wenn so die Jahre eilig flieh’n / Und Wende folgt der Wende, / Soll unser Wesen und sein Sinn / Sich treu sein bis zum Ende.“ Daß es bei Burte nicht erst so spät sinnt und west, zeigt seine Sicht des Mannesideals bereits im Jahr 1910, zitiert aus der Basler National-Zeitung: „Was kann ein Mann mehr Mannes würdig wollen als Menschen mißzubrauchen, sich zum Scherz? Durch Leiber hinzupflügen wie durch Schollen?“

Diesen lupenreinen Faschismus hat der Freiburger Germanist Professor Bauer in einem Gutachten über Burte bereits 1966 zurückverfolgt. Das nationalistische, rassistische und gewaltverherrlichende Gedankengut Burtes sei in seinem Werk keineswegs beiläufig, sondern symptomatisch.

Allerdings hat Burte auch früher und bei Leuten, die etwas von Literatur verstehen wollten, Anerkennung gefunden. Nach Stipendienaufenthalten in Frankreich und England erregte Burte mit seinem Roman „Wiltfeber, der ewige Deutsche“ 1912 Aufsehen und wurde sehr gelobt von Richard Dehmel, der jedoch damals bereits antisemitische Züge bei Burte entdeckte. 1913 erhielt Butte den Kleist-Preis. 1924 wurde er Ehrendoktor der Universität Freiburg; 1927 erhielt er den Schiller-Preis. Übergangslos werden dann die Preise von den Nationalsozialisten überreicht: 1936 Hebel-Preis, 1938 Großdeutscher Mundarten-Preis, 1939 Goethe-Medaille, 1944 Thoma-Medaille. Rilke sagte von Burtes Lyrik: „Ein Gedicht wie diese ‚Himmlische Ernte‘ ist ein allgemeiner deutscher Besitz“, was eher zurückhaltend klingt. Kurt Tucholsky allerdings stellte der Qualität Burtes lakonisch ein vernichtendes Zeugnis aus: „Hermann Burte & Hans Grimm, Löschpapier en gros.“ Das bereits 1927.

Wenn die Berichte stimmen, wurde Burte 1938 auch von Hitler und Goebbels geehrt und als „Seher des Großdeutschen Reiches“ gelobt. Nach dem Krieg begannen die Ehrungen wieder, heute sind Straßen, Turnhallen und Gemeindesäle nach Burte benannt. Erst bei der Namengebung von Schulen regte sich Widerstand.