Im Kino Vox auf der Rue d’Antibes, das die deutsche Export-Union für ihre Filmmarkt-Vorführungen gemietet hatte, lief eines Nachmittags auch Wolfgang Staudtes neuer Film „Zwischengleis“. Staudte, dachte ich, das muß nicht schlecht sein, und ging hin. Bevor es dunkel wurde im Saale, machte sich, in passablem Englisch, eine Dame bemerkbar und erklärte bedauernd, leider, müsse man Staudtes Film auf deutsch zeigen, natürlich sei der Film in englischer. Sprache gedreht worden, aber diese Originalfassung sei noch nicht fertig. So sah ich, mehr oder weniger aus Versehen, die Arbeit eines deutschen Regisseurs in einer deutschen Version. Der Film übrigens, eine tragische Liebesgeschichte zwischen einem amerikanischen Besatzungsoffizier und einer jungen Deutschen Ende der Vierziger Jahre, ist überhaupt nicht gut.

Was sich dort im Kino Vox begab, erscheint bezeichnend für die Kino-Situation des Jahres 1978. Wer sich Chancen ausrechnen will auf dem internationalen Markt, muß seinen Film fast zwangsläufig in englischer Sprache drehen. Die Amerikaner beherrschen das Geschäft totaler denn je, und in den USA sind fremdsprachige Filme mit Untertiteln (oder gar synchronisiert) kaum in den Kinos unterzubringen. Diesem Diktat beugen sich immer mehr Regisseure: Entweder sie drehen gleich in Amerika wie der Franzose Louis Malle („Pretty Baby“) oder sie lassen ihre Schauspieler in der neuen Weltsprache des Kinos radebrechen wie Fassbinder in „Despair“ (er wenigstens hatte mit Dirk Bogarde einen englischen Star) oder Marco Ferreri in dem italienischen Wettbewerbsbeitrag „Ciao Maschio“ alias „Bye Bye Monkey“. Dort hört man Marcello Mastroianni und Gérard Depardieu sich mit dem fremden Idiom abplagen und begreift leicht, daß diese jüngste Spielart des Hollywood-Kolonialismus auf die Dauer eine tödliche Gefahr bedeuten kann. Eine von kommerziellem Druck verordnete Einheitssprache wird nationale Besonderheiten einebnen und verkümmern lassen, bis es nur noch ein Kino gibt: das amerikanische. Selbst der griechische Wettbewerbsbeitrag, Jules Dassins „A Dream of Passion“, handelt seine Medea-Geschichte weitgehend auf englisch ab. Mehr denn je muß man Federico Fellini bewundern, der sich standhaft weigert, den verlockenden amerikanischen Offerten nachzugeben und seine Sprache wegzuwerfen.

Hollywood, USA. Noch immer der Kino-Mittelpunkt der Welt oder nur noch ein superreicher Koloß auf ansonsten tönernen Füßen? In Cannes liefen im Wettbewerb zwei Hollywood-Filme, die vorgeben, sich auf das amerikanische Vietnam-Trauma einzulassen: „Who’ll stop the Rain“, inszeniert von dem Engländer Karel Reisz, und Hal Ashbys „Coming Home“. Beide Filme spielen Ende der sechziger Jahre, beide finden ihr Thema nicht auf den Schlachtfeldern Indochinas, sondern an der „Heimatfront“, beide sonnen sich im Glanz kritischen Anspruchs und beide gehen den wirklichen Problemen schön vorsichtig aus dem Weg. Sie seien „Produkte des Vietnam-Kriegs und eine authentische und bewegende Verkörperung der neuen Verlorenen Generation“, sagt Reisz über die Hauptfiguren von „Who’ll stop the Rain“: zwei Vietnam-Veteranen und eine Frau, die eine Ladung Heroin aus Saigon in Kalifornien verkaufen wollen, denen es aber schließlich ähnlich ergeht wie den Helden in Travens „Schatz der Sierra Madre“. Das kostbare Pulver verweht im Wüstensand, der desillusionierte Landser (dargestellt von Super-„Macho“ Nick Nolte) stirbt einen edlen, pathetischen Kino-Tod und dem Zuschauer bleibt die vage Vermutung, dies alles hätte wohl nicht stattgefunden, wenn es den Krieg in Fernost nicht gegeben hätte. Konsequent versetzt Reisz seine laut und rasant inszenierte Rauschgift-Story mit entsprechenden Hinweisen. Das Showdown findet vor einer riesigen „Peace“-Rune statt, aber die Symbolik bleibt beliebig, der Vietnam-Hintergrund nur eine attraktive Staffage, auf die man ebensogut hätte verzichten können.

Ernsthafter geht Hal Ashby, der Regisseur von „Shampoo“ und „Das letzte Kommando“, in „Coming Home“ zur Sache. In der Liebesgeschichte zwischen einer Offiziersfrau, die sich als Krankenschwester in einem Pflegeheim für schwerverwundete Vietnam-Kämpfer verdingt, und einem querschnittsgelähmten Soldaten spiegeln sich viele der Verstörungen und Verletzungen, die dieser ungeliebte Krieg in der amerikanischen Psyche hinterlassen hat. Allmählich begreift die Frau, hervorragend gespielt von Jane Fonda, die hier viel weniger outriert ist als zuletzt in „Julia“, daß ein humanitäres Engagement nicht ausreicht, daß der Krieg eine politische Sache ist.

Unaufdringlich und ohne Peinlichkeiten zeigt Ashby diesen Prozeß einer Veränderung, der in einer direkten Relation zu der (auch und gerade sexuellen) Beziehung zwischen der Frau und dem Mann im Rollstuhl (Jon Voight) steht. Erst als ihr Mann aus Vietnam zurückkehrt, ein ehemals schneidiger „Marine“, der im Krieg das Fürchten gelernt hat, entwickelt sich der Film zu einem larmoyanten Melodram. Edelmütig geht der hochdekorierte Offizier, der begriffen hat, daß nur der Krieg seine Ehe zerstört hat, ins Wasser und überläßt Tisch und Bett den beiden Liebenden: So leicht zieht sich Ashby aus der Affäre; wo sein Film wirklich hätte spannend werden können, ist er unvermittelt zu Ende.

Ein Film der auf den ersten nichts mit Vietnam zu tun hat und doch ohne diesen Krieg, und das, was er für seinen Autor bedeutete, nie entstanden wäre, ist „Renaldo und Clara“, „written & directed by Bob Dylan“, der erste Film dieses großen Sängers und Poeten, der so wichtig war für die Moral und das Selbstverständnis des „anderen Amerika“ in den sechziger Jahren. In Ashbys „Coming Home“, der die Musik jener Jahre geschickt als akustischen Hintergrund ausbeutet, kommt natürlich auch ein Lied von Bob Dylan vor, aber Dylan selber hält sich, anders als Ashby, überhaupt nicht an die Spielregeln Hollywoods. Keine gut geölte Ereignis-Dramaturgie beherrscht die vier Stunden von „Renaldo und Clara“; der Film, den man hoffentlich auch bei uns bald wird sehen können, ist ein faszinierendes Monstrum aus Dylans Liedern, Interviews, Begegnungen, fiktiven und dokumentarischen Teilen: eine Traum-Reise durch das heutige Amerika, eine Liebesgeschichte, ein Musik-Film – fern von Vietnam, aber doch beherrscht von verlorenen Träumen.