Von Ludwig Hang

Ich liebe es nicht, wenn man über meine Produkte lacht“, sagt der Patient in Ingomar von Kieseritzkys neuem Roman, und fast möchte man sich beim Lesen dieses Romans das Lachen verkneifen, wenn es möglich wäre, und wenn man genau wüßte, daß die hypochondrische Zimmerpflanze, die bereits auf den ersten beiden Seiten dahinwelkt und stirbt, nicht vielleicht Kieseritzky selber ist. Aber bereits da schon ist es zu spät, die Mundwinkel beherrschen zu wollen. Kieseritzky hat, entgegen seines Patienten und womöglich entgegen seiner eigenen, die Lust eines befreienden Lächelns erzeugt.

Dr. Sinistram, ein Arzt, hat über die Liste der Schmerz-Namen des Patienten gelacht, die Liste ist lang, schier unendlich, die Reihe der Namen nimmt nicht ab, es handelt sich nämlich um die Nennung untrüglicher Krankheitssymptome eines Hypochonders. Der Patient leidet unter einer sehr zeitgenössischen, sehr aktuellen, sehr modischen Krankheit, unter einer „elementaren Antriebslosigkeit“: Der Held möchte am liebsten unbeweglich bleiben, sich so wenig wie möglich rühren, eigentlich immer nur schlafen. Diese Eigenschaft ist auch der Titel des neuen Buches von –

Ingomar von Kieseritzky: „Trägheit oder Szenen aus der Vita Activa“, Roman; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 1978; 216 S., 22,– DM.

Es gibt keine Geschichte zu erzählen, und doch: Valev, der negative Held Kieseritzkys, führt etwas vor, das einzigartig und deshalb von allgemeinem Interesse ist. Er bringt eine Geschichte von ganz anderer Art in Gang, die aber nicht einen Einzelnen, wie sonst in Romanen, sondern ein Besonderes zum Gegenstand hat. Obwohl ein Einzelner vorkommt, seine Entwicklung durchmacht und sein Schicksal erleidet, so sind nicht dieser Einzelne, seine Entwicklung und sein Schicksal von Interesse, sondern es ist die Krankheit, an der dieser Einzelne zu leiden scheint: nicht Valev ist der Held des Romans, sondern die Hypochondrie. Ihre Geschichte wird erzählt, nicht wissenschaftshistorisch, aber poetisch, sie wird – um auch die literaturwissenschaftlichen Begriffe nicht zu vergessen – zur „strukturtragenden Schicht“ (Kayser), von ihr aus wird „das Ganze des Weltseins erfahren“ (Martini).

Nicht Valev also leidet an jener Unzahl von Gebrechen, nicht Valev ist von jener kuriosen Unentschlossenheit befallen, nicht Valev ist in jenen undurchsichtigen Strom von medizinischen Begriffen eingelassen, es ist die Hypochondrie die an sich selber leidet, die nicht mehr recht vorankommt, die sich in termini technici verstrickt. Beim Lesen bekommt man Mitleid mit der Krankheit, daß sie, erzählt, all ihre Schrecken verliert, die Krankheit selbst tut einem leid, daß es so schlimm um sie bestellt ist, ja, daß sie schließlich gar keine Wirkung mehr auf den Menschen tut, seit Kieseritzky sich entschlossen hat, ihre Geschichte als eine Geschichte zu erzählen.

Ingomar von Kieseritzky, 1944 in Dresden geboren, 1970 mit dem Förderungspreis für Literatur des Großen Kunstpreises von Niedersachsen ausgezeichnet, in Berlin lebend, hat einige Romane und Hörspiele geschrieben, deren Personal ausschließlich aus Experten besteht, aus Waffenliebhabern und FBI-Beamten, aus Zauberern und Medien, aus Experimentatoren und Versuchskaninchen. All diese Experten sprechen ihre Expertensprachen, die aus entlegenen Vokabeln und einer verschrobenen Syntax bestehen. Aber Kieseritzky beläßt es nicht dabei, er macht daraus immer ein System.