ARD, Sonntag, 4. Juni 22.45 Uhr: „Begebenheiten im Leben des Ödön von Horváth“ von Traugott Krischke (Buch) und Manfred Winter (Regie).

Versprochen war ein Film über Ödön von Horváth. Auf den habe ich mich gefreut. Zu sehen ist ein Film über Dietmar Schönherr. Meine Freude hält sich in Grenzen.

Von „Begebenheiten im Leben des Ödön von Horváth“ wollten Traugott Krischke und Manfred Winter erzählen. Weil das Bildmaterial zu diesem Leben nicht gerade üppig zu sein scheint, das Fernsehen aber eine muntere, „fernsehgerechte“ optische Aufbereitung des Themas verlangt, verfielen die Autoren auf die üblichen Ausflüchte – und auf einen ganz unüblichen. Das Übliche: man sammelte Ausschnitte aus alten Wochenschauen (Weimar und die beiden Weltkriege, ein bißchen Politik, ein bißchen Entertainment) und beschrieb so, flüchtig aber effektvoll, den historischen Hintergrund, die politischen Stimmungen und Strömungen, in die Horväths Leben hineingeriet. Auch noch das Übliche: man suchte Zeitgenossen auf, die Horvath noch gesehen hatten und befragte sie nach ihren Erinnerungen an den Dichter. Schon mehr als das Übliche: man drehte (1977 oder 78) Szenen wie aus Horváth-Stücken, in einem Münchner Biergarten, einer österreichischen Dorfkneipe, entdeckte dabei auch einige Gesichter, die gut in Horvath-Inszenierungen passen würden. All das, Historie, Zeugenaussagen, Stimmungsbilder, phantasievoll gefilmt, lebhaft, lebhaft bis zur Chaotik, geschnitten. Wo aber bleibt Horváth in diesem flotten, bunten Bilderbuch?

Dann das ganz Unübliche, der rettende Einfall, der alles verdirbt: Horváth tritt leibhaftig auf – in der Gestalt von Dietmar Schönherr. Schönherr spielt aber nicht nur Horváth selber (in einem nachgestellten Interview), er betätigt sich auch als Horváth-Rezitator und als Horvith-Interpret – in Auftritten, deren kürzester etwa dreißig Sekunden, deren längster zwei Minuten dauert, führt er, Von zwei Mit-Mimen unterstützt, viele winzige Szenen aus vielen verschiedenen Horváth-Stücken vor.

So viele Rollen auf einmal und in so kurzer Zeit – selbst ein Schauspielergenie wäre an einem solchen Auftrag gescheitert. Um wieviel mehr ein Beinahegarkeinschauspieler wie Dietmar Schönherr, dem man weder Horváth selber glauben mag noch Horváths Figuren. Von seinem „verträumten und boshaften Wesen“ hat Horvath geschrieben, und sein Gesicht paßte dazu, ein weiches, schwermütiges Gesicht. Der Horvath von Schönherr sieht bloß irgendwie herb und männlich und indifferent aus. Kleinbürger sind Horváths Figuren, aggressiv, verletzbar, sehnsüchtig, sentimental. Kompliziert also. Horväths Menschen, in der Interpretation von Dietmar Schönherr, sehen nicht wie Kleinbürger aus, sondern wie Fernsehschauspieler – eben herb und männlich und indifferent.

Kein Grund diese Sendung, den Fernsehkasten anzustellen. Zu versäumen ist nichts. Höchstens ein schöner Spruch, einer von Horváth: „Denken tut weh!“ Benjamin Henrichs