Welcher Ort für eine Fußball-Weltmeisterschaft der beste ist, wird sich mit Sicherheit erst nachher zeigen.

Man kann aber ohne Risiko im voraus sagen, daß für die Sieger jeder Ort, wo sie gesiegt haben, der beste ist. Die Differenzierung fängt erst bei den Verlierern an.

Für diese sind zum Beispiel die klimatischen Bedingungen und die lokale Küche sehr wichtig. Man muß sich nach der Niederlage herausreden können, daß es zu heiß oder zu kalt gewesen war, zuviel Wind oder zuwenig Wind gegeben hätte; man muß der Sonne oder dem Regen die Schuld zuschieben können. Dasselbe gilt für allzu scharfe oder milde Gerichte, zu nahrhaft oder zu wenig nahrhafte Speisen. Zur Not kann man sich auch der politischen Verhältnisse bedienen, die eventuell die Spieler nervös machen und ihre Treffsicherheit beeinträchtigen – obwohl Sport, wie bekannt, über die Politik erhaben ist und er, von den Siegen und Geldprämien abgesehen, nur die Freundschaft zwischen allen Völkern im Sinn hat.

So gesehen ist zum Beispiel Monaco für eine Weltmeisterschaft gänzlich ungeeignet: Es hat ein touristisches Klima, eine erlesene und mannigfaltige Küche; und von drastischen politischen Konflikten im Fürstentum – wenn man die Probleme um die Heirat der Prinzessin nicht mitrechnet – hat man auch nichts gehört. Die Schweiz wäre schon ein wenig besser; da gibt es immerhin so viele Berge; man könnte sich auf den Bergwind oder auf unebene Fußballfelder ausreden.

Welche Einwände es dagegen gegen Argentinien geben kann, verstehe ich nicht. Das Wetter hat extremistische Neigungen: mal ist es zu heiß, mal fällt die Temperatur unter Null – wie neulich in Mendoza. Winde können bei solchen Wechselwirkungen auch nicht ausbleiben. Die Nationalspeisen sind ziemlich scharf gewürzt, die Steaks sind ziemlich groß und können ohne weiteres einen Schuß hoch über das Tor ins Publikum rechtfertigen.

Und auch die politischen Verhältnisse in Argentinien sind vom Standpunkt der Fußballer absolut befriedigend: Die Linksaußen können sagen, daß sie die Militärregierung verunsichert hat, den Rechtsaußen steht als Entschuldigung ein kämpferischer Untergrund zur Verfügung. Daß man mit Mittelstürmern allein keinen Kampf entscheiden kann, leuchtet selbst einem Laien ein.

Wieviel Demokratie und wie viele politische Gefangene es in einem Land gibt, in dem man spielt – ich glaube nicht, daß es die Sportler wirklich interessiert. Man fährt nach Prag zur Eishockey-Weltmeisterschaft und nach Moskau zu Olympischen Spielen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Ich bezweifle, daß die Olympiasieger 1980 die Zahl ihrer Medaillen mit der Zahl der politischen „Patienten“ in den sowjetischen psychiatrischen Gefängnissen verrechnen würden. Schließlich haben das die Olympioniker 1936 im Nazi-Deutschland auch nicht getan. Die Sportler aus den sozialistischen Ländern – selbst wenn sie treue Parteimitglieder sind – knirschen mit den Zähnen, wenn die Politiker ihnen Medailirgendeinem sperren, indem sie sie in irgendeinem Land nicht spielen lassen.