Als „altväterlichen Ratschlag eines Mannes, der 16 Stunden am Tag arbeitet“, hat der DGB-Vorsitzende Heinz-Oskar Vetter den in der vergangenen Woche vom Bundeskanzler in der ZEIT geforderten fernsehfreien Tag kritisiert. Hier erläutert Vetter seine Ansichten über das deutsche Fernsehen.

ZEIT: Herr Vetter, der Vorschlag des Bundeskanzlers, die Deutschen sollten einen fernsehfreien Tag einlegen, ist bei Ihnen auf Kritik gestoßen. Was stört sie an einem Fernseh-Fastentag?

Vetter: Ich habe im Prinzip nichts gegen einen „Fernseh-Fastentag“, nur würde ich mir den innerhalb eines Wochenprogramms gern selbst auswählen und nicht vorgeschrieben beziehungsweise verordnet bekommen. Der mündige Bürger muß selbst entscheiden können und sollen, wann er fernsieht und wann nicht.

ZEIT: Der deutsche Durchschnittszuschauer verbringt täglich zwei Stunden und zehn Minuten vor dem Fernsehapparat. Sehen Sie darin keine Gefahr für die unmittelbare Kommunikation, für die Gespräche in der Familie und zwischen Freunden?

Vetter: Da es den statistisch errechneten Durchschnittszuschauer in der Praxis nicht gibt, bin ich wenig geneigt, hier mitzuhelfen, Gefahren an die Wand zu malen. Es sieht doch in der Wirklichkeit so aus, daß wir verschiedene Altersgruppen von Zuschauern haben, die sehr unterschiedlich fernsehen.

Die Gruppe der sehr jungen Zuschauer sieht selbstverständlicherweise relativ wenig fern. Eine differenzierte Einstellung zum Medium Fernsehen gibt es auch in mittleren Altersgruppen. Lediglich bei den Zuschauern, die altersmäßig bereits aus dem Arbeitsprozeß ausgeschieden sind, liegt die Zeit vor dem Fernsehgerät relativ hoch.

Außerdem meine ich, gibt es in vielen Familien doch recht interessante und wünschenswerte Diskussion zu einzelnen Fernsehsendungen. Man kann deshalb die Funktion des Fernsehens in der Familie nicht nur negativ sehen, obwohl ich nicht bestreite, daß diese von Familie zu Familie unterschiedlich aussieht.