Das zweitgrößte Land der Erde zweifelt an sich selbst. Wirtschaftskrise, Regierungswirrwarr und Separatismus verunsichern die Kanadier

Premierminister Trudeau steht unter Druck. Kann er die Wähler davon überzeugen, daß ihr Land noch immer eine große Zukunft hat?

Von Dieter Buhl

Das beliebteste Gesellschaftsspiel der Kanadier besteht zur Zeit darin, den Termin der Parlamentswahlen zu erraten. Wird noch im Sommer gewählt oder doch erst im Herbst? Auf einschlägige Fragen antwortet Premierminister Pierre Trudeau, der den Wahltag bestimmen kann, inzwischen immer ärgerlicher. So konterte er kürzlich im Unterhaus einen Oppositionsabgeordneten mit der bissigen Bemerkung: „Ich weiß gar nicht, warum das ehrenwerte Mitglied so scharf darauf ist, seinen Sitz zu verlieren.“ Nicht auf den Mund gefallen bot der Abgeordnete dem Premier eine Wette in jeder Höhe an, daß er den Kandidaten der liberalen Regierungspartei schlagen werde. Das letzte Wort hatte schließlich der Sprecher des Unterhauses: Er brach den Disput ab und ließ das Wettangebot aus dem Protokoll streichen.

Das Datum der Entscheidung bleibt dennoch gerade im Unterhaus das Thema Nummer eins. Kanada wartet auf die Wahl wie ein Kranker auf die rettende Spritze. Dabei weiß niemand,ob die Injektion überhaupt hilft. Und wenn, dann müßte sie schon Mehrfachimpfstoff enthalten, um alle Gebrechen zu mildern, unter denen die Kanadier stöhnen. Staatsverdruß plagt sie und wirtschaftliche Unsicherheit. Überhaupt glauben sie alles in Frage gestellt, was den kanadischen Mythos ausmacht: daß das Land wohlhabend und sozial gefestigt sei, daß es eine nationale Einheit gebe, daß das Regierungssystem funktioniere und eine glückliche Zukunft garantiere.

Die weitverbreitete Larmoyanz will nicht zu dem Bilde passen, daß sich die Welt gemeinhin von Kanada macht. Aus der Ferne wirkt es eher wie ein kraftstrotzender Gigant, der alles besitzt, was ein Volk zufriedenstellen sollte: einen hohen Lebensstandard, ungeheure Bodenschätze und vor allem sehr viel Platz. Abgesehen vom Donnergrollen aus Quebec und dem leidigen Robbenmorden scheint das Land von draußen ohne Fehl und Tadel. Ist Kanada vielleicht doch ein eingebildeter Kranker?