Von Kurt Becker

Washington, Ende Mai

Das wichtigste Vorhaben des Bundeskanzlers während seiner sieben Tage in Amerika begann in dieser Woche Dienstagfrüh. Um acht Uhr morgens kam ihm im Rosengarten des Weißen Hauses Präsident Jimmy Carter mit freundschaftlichen Gesten entgegen, um ihn zum gemeinsamen Frühstück zu empfangen. Der Präsident begrüßte den Kanzler mit dem herzlichen Ausruf: „Helmut, wie schön, daß Sie hier sind.“ Zum ersten Male seit zehn Monaten – und nach vielen seitdem offen und versteckt ausgetragenen Kontroversen – begegneten sich die beiden Staatsmänner wieder unter vier Augen zu einem ausführlichen Gespräch. Sechzig Minuten später äußerte der Kanzler auf der Suche nach einem knappen und pointierten Urteil über den Gesprächsverlauf: „Es war ganz prima!“

Helmut Schmidt hatte sich auf diese Begegnung wochenlang vorbereitet. Die Erwartung, sein Verhältnis zum amerikanischen Präsidenten möglichst zu entdramatisieren, hat er immer wieder mit öffentlichen Erklärungen und Bemerkungen belegt – jüngst erst wieder im amerikanischen Fernsehen, in der Sendung Meet the Press, die am vergangenen Wochenende gesendet wurde.

Dabei unterstützte der Bundeskanzler ausdrücklich die Politik Carters, den Kongreß dafür zu gewinnen, daß über die Türkei verhängte Waffenembargo zu beenden. und sagte: „Lassen Sie es mich offen sagen: Ich glaube, daß der Präsident diese Frage mit größerer Weisheit handhabt als der Kongreß.“ Auch äußerte er sich zustimmend zu Carters bisher vergeblichen Versuchen, den Kongreß für sein energiepolitisches Sparprogramm zu gewinnen, weil sonst das Zwanzig-Milliarden-Dollar-Loch in der amerikanischen Zahlungsbilanz nicht geschlossen werden kann und schwere Folgen für die Weltwirtschaft befürchtet werden müssen. Sogar die Entscheidung Carters über die Neutronenwaffe, vor kurzem noch ein Anlaß zu tiefer Verstimmung, nannte Schmidt später vernünftig.

All diese Botschaften scheinen den Präsidenten erreicht zu haben. Die Bereinigung des lange gestörten Verhältnisses gilt als gelungen. Auf jeden Fall werden die – trotz allen weiterbestehenden – Auffassungsunterschiede zwischen Bonn und Washington in der Wirtschafts-, Währungs- und Nuklearpolitik künftig nicht mehr mit voller Wucht und ungebremst auf das persönliche Verhältnis zwischen Kanzler und Präsident durchschlagen. Die Zeit der Turbulenzen soll nicht wieder aufleben. Das lag in der Absicht Schmidts wie Carters. Sie wünschten sich beide diesen Erfolg aus außenpolitischen Gründen – und auch, um sich innenpolitischer Kritiker besser erwehren zu können.

Unverhofft erwies sich freilich auch die Gipfelkonferenz des westlichen Bündnisses nicht nur als ein Routinetreffen auf höchster Ebene. Die zweitägige Begegnung der Regierungschefs Mitte dieser Woche in Washington war ja ursprünglich nur dazu ausersehen, das anspruchsvoll zugeschnittene langfristige militärische Verstärkungsprogramm der Nato in einer demonstrativen Form zu beschließen – es nicht bloß auf triviale Weise in Kraft zu setzen, sondern auch mit politisch-philosophischen Absichtsbekundungen für die achtziger Jahre zu drapieren. Die Idee hierzu – wie übrigens auch die Initiative zur verteidigungspolitischen Stärkung – war von Jimmy Carter ausgegangen. Die meisten europäischen Bündnismitglieder wollten ihm diesen außenpolitischen Erfolg, den der Präsident angesichts seiner Schwierigkeit mit dem Kongreß und wegen seiner abgesackten Popularität braucht, auch nicht vermindern.