Von Kurt Becker

Rainer Barzel rechnet sich heute zur strategischen Reserve der Christlichen Demokraten. Er ist niemandes Rivale, von einigem Geplänkel mit Parteifreunden, das sein Vorsitz im Wirtschaftsausschuß des Bundestages mit sich bringt, einmal abgesehen. Von personellen Aufstiegs- und Führungskämpfen hält er sich fern. Aber politisch-geistige Mitführerschaft beansprucht er auch weiterhin. Sein Buch

Rainer Barzel: Auf dem Drahtseil, 242 Seiten, 24,– DM, Droemersche Verlagsanstalt TH. Knaur Nachf., München, 1978,

entstammt diesem Drang des einstigen Kanzlerkandidaten und Vorsitzenden der CDU. Barzel breitet jedoch nicht nur seine Erlebnisse und Erfahrungen aus, um Rat für morgen zu geben. Über weite Strecken hinweg rekonstruiert er vor allem die großen Entscheidungen. der sechziger und siebziger Jahre und beschreibt seine damaligen Einsichten und Absichten, nach denen er handelte.

Viele Konflikte, Kontroversen und Konstellationen, obwohl in ihren Grundzügen und Abläufen längst bekannt, erhalten durch ihn ein interessantes Kolorit: die Ostverträge, die Anerkennung Israels, die von ihm schon frühzeitig empfohlene Zurückhaltung in der militärischen Nuklearpolitik. Manches Detail ist neu. Allerdings wird sich der Leser fragen, ob Barzel nicht doch in erster Linie wünscht, seinen persönlichen Anteil an der Politik in der Form einer authentischen Erzählung – mit vielen aphoristischen und impressionistischen Einsprengseln – zu präsentieren, damit die Öffentlichkeit, die politischen Insider und am Ende wohl auch die Zeitgeschichte ihm gerecht werden.

Jedenfalls bleibt das deklarierte Leitmotiv des Buches, nämlich neue Gedanken zu wagen, in vielen und auch vielversprechenden Ansätzen stecken. Es fehlt, obwohl man Barzel doch beides zutraut, die gedankliche Strenge und Konsequenz. Was in Gespräch und Rede an unvollständiger Begründung und auch an Sprunghaftigkeit erlaubt sein mag, in einem Buch, das nachdenklich stimmen, inspirieren und gedankliche Unruhe schaffen soll, erwartet man mehr argumentative Vertiefung.

In Barzels „Drahtseil“ wechseln analytische Passagen rasch mit emphatischen Ausrufen des Unbehagens, idealistische Forderungen mit herben Urteilen über politische Moden. Entwicklungsgefahren sind oft eher instinktiv erfaßt als intellektuell begründet. Schade, denn man akzeptiert ja Barzels Mahnung, neue Gedanken Zu wagen, erwartet dann freilich nicht nur vorwiegend Fragmentarisches, wenn er sich mit dem Eurokommunismus oder mit Unzulänglichkeiten des Zustandes der Gesellschaft beschäftigt, beunruhigende Schwächen unserer politischen Elitebildung und der staatlichen Institutionen als Gefahren heraufziehen sieht.