Ein kleines Hühnchen kratzte im Sand und fand ein paar Weizenkörner. „Wer hilft mir“, rief es, „den Weizen zu pflanzen, damit wir dann alle genug zu essen haben?“ Aber Kuh, Ente, Schwein und Gans hatten dazu keine Lust. „Dann mach’ ich das eben allein!“ sagte das Hühnchen.

Als die Halme sprießten, wuchsen und zu goldenen Ähren reiften, da war das Hühnchen wieder mit dem Vorschlag da: „Helft mir doch bei der Ernte. Es ist ja für alle genug da.“ Aber die Ente wollte wegen prinzipieller Bedenken nicht, das Schwein meinte, das sei nicht seine Aufgabe, die Kuh sagte wegen des hohen Dienstalters ab, und dieGans empfand das Ansinnen des Hühnchens schlicht als unsozial.

Also machte sich das Hühnchen allein an die Erntearbeit, schuftete, daß die Federn klebten, und freute sich auf die Zeit, in der aus dem geernteten Weizen Brot gebacken werden könnte. Und wieder fragte es die Hof-Genossen: „Wer hilft mir beim Brotbacken?“

Da müßte ich ja Überstunden machen“, brummte die Kuh. Die Ente jammerte: „Ich würde nur meine Sozialhilfe verlieren.“ „Ich bin eine Niete und habe nie etwas gelernt“, grunzte das Schwein, während die Gans verlegen schnatterte: „Wenn ich als einzige helfen würde, dann schlösse ich mich selbst aus der Gemeinschaft aus.“

Da buk das Hühnchen eben allein fünf knusprige Brote, die es voller Stolz den anderen zeigte. Die staunten zuerst – und dann wollte jeder davon ein Brot haben. Aber das Hühnchen meinte: „Nun kann ich sie auch alleine essen.“

„Das ist Profitwucher!“ schrie die Kuh. „Kapitalistische Schweinerei!“ protestierte die Ente. Die Gans forderte „Gleiches Recht für alle!“ Und das Schwein hatte inzwischen Volkszorn-Tafeln gemalt, die sie nun hochhielten und im Protestmarsch um das kleine Hühnchen herumtrugen.

Da kam ein Regierungsvertreter des Tierreichs und ermahnte das Hühnchen, doch nicht so geizig zu sein. Es sollte sich doch lieber darüber freuen, daß es in einem System des freien Unternehmertums so viel verdienen kann, wie es will. Da darf man sich dann auch nicht der sozialen Verpflichtung gegenüber allen anderen entziehen.