„Gefängniskommandos“ und „Außenflügel“ im Streit – Was haben wir jetzt zu erwarten?

Von Karl-Heinz Janßen

Guerilla ist ’ne Hydra, das heißt, sie kriegt immer neue Köpfe. Das ist das Ziel, daß es das wird“, dozierte die kleine, blonde 26jährige Frau im Stammheimer Gerichtssaal vor einem gelangweilten Gericht. Die Zeugin, die Strafgefangene Brigitte Mohnhaupt, sagte aus, um den Anführern der deutschen Stadtguerilla – Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – aus der Patsche zu helfen. Das liegt fast zwei Jahre zurück. Jetzt, nach der Verhaftung der Rädelsführern! Brigitte Mohnhaupt in einem Hotel der kroatischen Hauptstadt Zagreb, scheint es, als habe die deutsche Terroristen-Hydra wieder einen Kopf verloren. Doch das Ungeheuer lebt weiter, und es hat mitnichten an Gefährlichkeit eingebüßt.

Wenn jemals ein Mitglied der sogenannten Rote Armee-Fraktion (RAF) gewußt hat, wie sich die „Stammheimer“ die Fortsetzung des Untergrundkampfes dachten, den sie zwar aus der Anstalt heraus mit Kassibern begleiten, letztlich aber doch nicht in allen Einzelheiten steuern konnten, dann war es Brigitte Mohnhaupt. Während vieler Stunden beim gemeinsamen „Umschlug“ auf dem Flur vor den Häftlingszellen und auch in den Zellen selber hat sie mit Baader und Ensslin über Strategie und Taktik, über das Verhältnis von Ziel und Mitteln diskutiert. Kaum hatte sie im Februar 1977 ihre viereinhalbjährige Strafe wegen Urkundenfälschung und unerlaubten Waffenbesitzes abgebüßt, widmete sie sich abermals ihrem terroristischen Hauptberuf.

Wie eine Rachegöttin

Ihr Stammheimer Auftrag (getreu dem Ausspruch von Holger Meins: „Kollektiv ist jeder“) lautete, die zersplitterten und nervenschwach gewordenen Reste der Guerrilla zu sammeln und auf Vordermann zu bringen. Wie eine Rachegöttin erschien sie im Büro des Stuttgarter Anwalts Klaus Croissant, um „aufzuräumen“. Ihre selbstherrliche Drohung, man müsse das „bourgeoise Schwein“ Croissant rausschmeißen, spricht Bände – auch für den Umgangston und das Verhältnis zwischen Terroristen und einigen ihrer Anwälte. Sie hat offensichtlich dafür gesorgt, daß Croissant über die Grenze nach Frankreich gebracht wurde, ehe er in seinem Zweifrontenkrieg gegen Bundesanwaltschaft und die RAF-Genossen die Nerven verlor.

Mit Hilfe junger Leute, die sich im Umkreis der Anwaltspraxis aufhielten, knüpfte Brigitte Mohnhaupt Fäden zu sympathisierenden Gruppen in der Bundesrepublik und zog Nachwuchskader für neue Terroraktionen heran. Alsbald verschwand sie selber wieder im Untergrund. Aus der sogenannten Haag-Mayer-Gruppe, die nach der Verhaftung des einstigen Anwalts Haag kopflos geworden war, wuchs die neue „Rote Armee-Fraktion“, die bald durch die Mordanschläge auf Generalbundesanwalt Buback und Bankier Ponto und durch den versuchten Raketenüberfall auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe von sich reden machte.