Dies war nicht die gewohnte Krise mit den Hausaufgaben. Keine nervöse Suche nach versteckten Unbekannten, kein hilfloses Interpretieren dunkler Dichterworte, nicht das alltägliche Rätsel mit dem Gerundivum.

Vater Remmers merkte gleich: dies ist ernst. Anne war verstört mit dem Mathebuch gekommen. Die Dreizehnjährige fand sich mit einer Aufgabe nicht zurecht. Der Vater litt wie seine Tochter. Er hatte die Quarta einst mit Bravour genommen, konnte als Diplom-Volkswirt auch ganz flink kombinieren, addieren und kalkulieren – aber diese Rechenaufgabe erkannte der befragte Familiendenker als zu hoch. Er verstand rein gar nichts. „Du bist sicher, daß dies Mathematik ist?“ wich Remmers aus. Anne war sicher. Es stand vorn auf dem Buch. Und drinnen, als Vorgabe für eine der Hausaufgaben: „Zuordnungen, bei denen die Größenpaare (Eingangsgröße/Ausgangsgröße) produktgleich sind, nennt man antiproportionale Zuordnungen.“

Anne Remmers fehlte am nächsten Schultag. Familiäre Solidarität und ein vom Vater bemühtes Heraklit-Zitat über die stete Wandlung aller Dinge ließen eine mathematisch-diplomatische Grippe zu.

Diese Lösung erwies sich als leichtfertig. Eltern müssen mit der Gültigkeit von Heraklit-Sätzen auch bei der Vergabe von Hausaufgaben rechnen. Werner Remmers aber sicherte sich nicht vor neuen Qualfragen seiner Tochter. Also stand er genau vier Tage später abermals ratlos vor Anne: „Setzt man in die Aussageform a < b und a + c < b + c für a, b und c je Namen ganzer Zahlen ein, so sind die beiden entstehenden Aussagen zugleich wahr oder zugleich falsch (Monotoniegesetz der Addition).“ Die Grippe hatte einen Rückfall.

Es gibt da noch andere schulpflichtige Kinder, besann sich der Vater, wo die Schulaufgaben am besten gelöst werden könnten, mit Rat auch für die kommenden Tage. In seinem Betrieb war er wer, wen er fragte, der konnte sich nicht einfach ohne Antwort verflüchtigen.

Ein mittleres Unternehmen grübelte. Zum Glück konsultierte dort jemand seinen Ältesten daheim: der besuchte die achte Klasse, im Mathebuch vom letzten Jahr standen noch die Lösungen, mit Bleistift säuberlich am Rand notiert.

Aufgabe 1: „Je mehr Kinder sich eine Tüte Bonbons teilen, um so weniger Bonbons kriegt das einzelne Kind.“