Die Sache schwelt schon seit Wochen; jetzt ist eine Entscheidung nicht länger aufzuschieben. Auf ihrer Münchner Routinekonferenz müssen sich die Fernsehprogrammdirektoren der ARD diese Woche darüber verständigen, wie die Sender aus einer Zwickmühle wieder herauskommen wollen, in die sie der WDR gebracht hat. Bleibt die Einigung aus, geht der Vorgang an die Intendanten, die ja ohnehin das letzte Wort haben. Oder das vorletzte – denn es ist nicht auszuschließen, daß sich auch noch die wichtigtuerischen Gremien in den Entscheidungsprozeß einmischen werden.

Es geht um die Frage, ob die ARD in ihrem Ersten, also dem Gemeinschaftsprogramm das achtstündige amerikanische Fernsehdrama „Holocaust“, in dem in Hollywoodmanier die Judenvernichtung abgehandelt wird, ausstrahlen soll oder nicht. Der Konflikt wird noch Wellen schlagen – nicht nur rundfunkpolitische. Was ist der Hintergrund?

Das Werk. Der unvermutete Massenerfolg der deftig-rührseligen Negerstory „Roots“ (hergestellt von der Konkurrenz) ließ der amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC keine Ruhe. Auch sie brauchte etwas Attraktives, um die in den USA allenthalben sinkenden Einschaltquoten wieder etwas aufzumöbeln. So entstand die Sechs-Millionen-Dollar-Produktion „Holocaust“, gedreht in der Bundesrepublik und in Österreich.

An vier Abenden im April lief das Mammutepos und bannte immerhin 70 Millionen Amerikaner vor dem Bildschirm. Vordergründig also ein Erfolg. Das Magazin Time freilich nannte das ganze eine „obszöne Idee“. Und die ist es denn wohl auch. Hier wird das Grauen vermarktet. Auf eine zwar dramaturgisch wirkungsvolle, aber geschichtsklitternde Weise wird das unfaßbare Geschehen der Juden-„Ausrottung“ im wesentlichen am Schicksal zweier Familien, einer jüdischen und einer stramm-deutschen, dargestellt. Deren Mitglieder folglich an allen relevanten Schauplätzen aufzutauchen haben. Die Handlung ist bestückt mit Figuren, die einen Meilenabstand zur Wirklichkeit haben. So geriet Heydrich, der Stratege des Mordes, zum Schmierenkomödianten.

In dieser Fiktion, die durchsetzt ist mit Originalfilmaufnahmen von Judenhinrichtungen, werden sowohl der Makel der Mörder als auch die Würde der Gemordeten in Wildwest-Machart entstellt.

Die Empfehlung. Amerikareisende der SPD – die prominentesten unter ihnen; Georg Leber und Horst Ehmke – waren betroffen über den Erfolg der „Holocaust“-Ausstrahlung und glaubten auch so etwas wie „Objektivität“ in der Darstellung erkennen zu können. Daraufhin erging angeblich von der Bonner Parteizentrale aus der Auftrag an die sozialdemokratischen Gremienmitglieder deutscher Sendeanstalten, den Ankauf der Serie zu betreiben.

Die Beflissenen. Der WDR kaufte. Für 1,2 Millionen Mark – und dazu kommen noch einmal mindestens 200 000 Mark Bearbeitungskosten. Im zeitlichen Ablauf ist nicht ganz klar, ob der karrierebewußte WDR-Fernsehspiel- und Unterhaltungschef Günter Rohrbach, der Winken gern folgt, auch hier einem Wink gefolgt ist, oder ob seine Hauptabteilung, wie die vorgegebene Version, heißt, dem gleichfalls interessierten ZDF die Serie vor der Nase wegschnappen wollte. Indes: Inzwischen hat sich herausgestellt, daß das ZDF gar nicht ernsthaft interessiert war. Gleichfalls als Mär hat sich die Behauptung erwiesen, daß die Fernsehanstalten in aller Welt, vor allem aber in Westeuropa „Holocaust“ übernehmen würden und die Bundesrepublik deswegen aus politischen Gründen nicht hintan stehen dürfe. Die Programmverantwortlichen in den europäischen Nachbarländern zögern jedenfalls mehr, als der WDR gezögert hat. Durch das Vorpreschen Rohrbachs, für das er sich im letzten. Augenblick die Rückendeckung des Fernsehdirektors Hübner, des Intendanten von Seil sowie des Verwaltungsrates einholte, geriet der WDR in eine vertrackte Lage. Das Millionenprojekt ist in der ARD nicht an den Mann zu bringen.