Von Carl-Christian Kaiser

Als die Traube-Affäre auf ihrem Höhepunkt stand, prophezeite kein Geringerer als Herbert Wehner, daß Werner Maihofer einen schweren und langen Gang vor sich habe. Das düstere Orakel hat sich erfüllt, noch weit über die damaligen Erwartungen hinaus. Denn auch ein reichliches Jahr nach der Aufdeckung des dubiosen Lauschangriffs auf den Atomphysiker ist der Innenminister nicht das Odium losgeworden, sowohl vom Pfade liberaler Tugenden abzuweichen als auch sein Amt nicht im Griff zu haben. Der Passionsweg, auf dem der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende den Minister sah, ist noch nicht zu Ende.

Schon wenige Tage, nachdem Maihofer, wenngleich mit einer verklausulierten Einschränkung, dem Bundestag versichert hatte, die bei Traube plazierte Wanze sei für ihn „ein einmaliger Ausnahmefall“, flogen die illegalen Abhörpraktiken im Stammheimer Terroristengefängnis auf, deren Spuren auch nach Bonn reichten. Anfang dieses Jahres wurden die Pannen bei der Fahndung nach den Schleyer-Entführern offenbar. Noch weiß niemand genau, wer in dem bevorstehenden Bericht Hermann Höcherls, des von der Regierung eingesetzten Rechercheurs, mittelbar oder unmittelbar als Hauptschuldiger erscheinen wird. Doch unvorstellbar ist, daß jene Instanzen, die zu Maihofers Ressort gehören, gänzlich ungeschoren bleiben.

Indes, noch bevor Höcherls Befunde auf der Tagesordnung stehen, muß der Minister bei Regierung, Partei und Bundestag schon wieder von Tür zu Tür eilen, um sich wegen der Überwachungslisten zu erklären und zu rechtfertigen, die ihm Grenzschutz und Verfassungsschutz eingebrockt haben. Daß er die Listen augenblicklich hat zurückziehen lassen, befreit ihn noch lange nicht von der Frage, warum sie überhaupt angelegt werden konnten, weshalb er von ihnen nichts gewußt hat und wie es jetzt mit den Kontrollgewohnheiten bestellt ist.

Das raubt ihm, so wird versichert, nicht den Schlaf. Natürlich, leichtfüßige Zuversicht, die ohnehin nicht seine Art ist, zeigt er nicht. Es gibt sogar Momente der Bedrückung. Aber erfühlt sich offenbar nicht persönlich und direkt betroffen, so wenig wie bei dem Lauschangriff auf Traube. Sah er sich damals im Einklang mit Gesetz und Staatsräson, so hält er jetzt den unbezweifelbaren Grundsatz hoch, daß die Sicherheitsbehörden ein Auge darauf haben müssen, wer und was über die Grenzen wechselt. Den Rest jedoch scheint er als Betriebsunfall zu betrachten, zwar unerlaubt und ärgerlich, aber auf den Übereifer mittlerer Beamter zurückzuführen. Und der ist ja sofort korrigiert worden. Auch diese Affäre, so meint der Minister wohl, müsse sich doch auf vernünftige Weise klären und aus der Welt schaffen lassen.

Da kommt jener Werner Maihofer zutage, der noch unter den widrigsten Umständen auf so etwas wie dem Selbstlauf der Vernunft vertraut. Darin bestärken ihn seine politischen Urerfahrungen. Vor allem kraft seiner Argumente und nur mit einem kleinen Kreis von Freunden hat er einst ein liberales Hochschulgesetz im Saarland auf den Weg gebracht. Ähnliches gilt für den Alternativentwurf zur Strafrechtsreform. Und hauptsächlich Maihofer war es auch, der dann das Freiburger Programm der Freien Demokraten Punkt für Punkt durchpaukte und später als Sonderminister im zweiten Kabinett Brandt, abermals ohne großen Apparat und genau umrissene Kompetenz, den Mitbestimmungskompromiß zwischen FDP und SPD einfädeln half. Zwar wuchs ihm je länger, desto mehr, politischer Rückhalt zu, aber ein Einzelkämpfer ist er stets geblieben.

Er ist es auch heute noch, nur vor: völlig verändertem Hintergrund, nämlich mit rasch abbröckelnden Unterstützung. Aus einem Zugpferd der sozial-liberalen Koalition ist ein Mitgeschleppter geworden. Nach dem Amt des Innenministers hat er sich nicht gerade gedrängt. Aber als 1974 bei der Installierung des ersten Kabinetts Schmidt der rechte Flügel der FDP darauf bestand, daß die Partei das Innenressort behalten müsse, und die Linken darauf, daß ihr damaliges Idol die Regierung nicht verlassen dürfe, da konnte der Schnittpunkt nur Maihofer heißen. Die verbreiteten Zweifel, ob der schwerblütige Alemanne dem wimmelnden Kosmos des Innenressorts gewachsen sei und welche Figur der liberale Grübler, der zu Brandts Abschied eine schwarze Krawatte getragen hatte, in einem Kabinett der Macher abgeben werde, nahm Maihofer als Herausforderung auf.