Von Michael Jungblut

Drei Jahre lang waren sie die Größten. Von 1974 bis 1976 durften sich die Manager des Energiekonzerns Exxon als die Herren des umsatzstärksten Unternehmens der Welt fühlen. Jetzt aber hat General Motors dank des Autobooms seinen traditionellen Spitzenplatz zurückerobert. In der Forbes-Liste der größten Unternehmen der USA konnte sich der Autokonzern mit 54,9 Milliarden Dollar Umsatz 1977 wieder vor den Ölmulti schieben, der mit einem Gesamterlös von 54,1 Milliarden knapp geschlagen wurde.

Im New Yorker Hauptquartier der Exxon Corporation, der Muttergesellschaft des in fast hundert Ländern operierenden Konzerns (in der Bundesrepublik unter dem Namen Esso), nimmt man es nicht weiter tragisch. Schließlich haben die Spitzenmanager zuvor auch nicht versucht, den 1974 erzielten Umsatzsprung von 28 auf 47 Milliarden Dollar allein der eigenen Tüchtigkeit zuzuschreiben. „Wir sind vor allem deswegen zum größten Unternehmen der Welt geworden, weil die OPEC-Länder eines Tages beschlossen haben, den Rohölpreis drastisch zu erhöhen“, erklärte damals Exxon-Chef Clifton J. Garvin gegenüber der ZEIT. „Aber sind wir deshalb etwa mächtiger als zuvor? Im Gegenteil – in den meisten Ländern müssen wir jetzt mit größeren politischen Schwierigkeiten kämpfen.“

Auch sein Nachfolger Howard C. Kauffmann macht sich mehr Gedanken über die Rolle, die Exxon in zwanzig oder dreißig Jahren in der Wirtschaft spielen wird, als über den Platz, den der Konzern im vergangenen Jahr auf der Umsatzrangliste einnahm. Während er für die atemberaubende Aussicht, die sich von der 53. Etage des Exxon-Buildings an der Avenue of the Americas auf die Wolkenkratzergebirge und Straßenschluchten Manhattans bietet, keinen Blick mehr hat, sieht er weit in die Zukunft. „Wir wissen nicht genau, wann die große Zeit des Erdöls zu Ende gehen wird. Wir wissen aber, daß dies irgendwann geschehen muß, weil die Vorräte nicht unbegrenzt sind. Für diese Zeit müssen wir vorbereitet sein – als Volkswirtschaft und als Unternehmen.“

Auch die meisten anderen großen Ölkonzerne der USA, von denen viele ebenfalls in der Rangliste um einen oder gar mehrere Plätze zurückgefallen sind, versuchen offenbar, sich auf diese Zukunft vorzubereiten, solange das Ölgeschäft ihnen die dazu notwendigen Milliarden noch in die Kassen schwemmt. Um als Unternehmen auch dann noch überleben zu können, wenn der traditionelle Markt immer mehr schrumpft, schwimmen sie voller Eifer mit auf der in den USA ohnehin überschwappenden Konzentrationswelle (siehe ZEIT Nr. 22). Dabei erwerben sie, wie Occidental Petroleum, Gulf oder Texaco, zwar auch mal Unternehmen aus dem Bereich der Chemie oder Energiegewinnung. Viel häufiger kaufen sie sich jedoch in Unternehmen ein, die mit Energie und Öl nur eines gemeinsam haben: gute Gewinnchancen.

So übernahm Sun Oil eine Spedition, einen Hersteller von Tonbandkassetten und eine Einzelhandelskette; Ashland engagierte sich unter anderem im Schiffbau und in der Bauwirtschaft; Standard Oil stieg bei Firmen ein, die auf dem Gebiet der Mikrobiologie und der Datentechnik tätig sind; Tenneco erwarb mehrere Zulieferer der Automobilindustrie sowie ein Versicherungsunternehmen und glaubt, daß auch eine Mandelbaumplantage ins buntgemischte Firmenbukett paßt.

Kein Wunder, daß diese und zahlreiche andere Unternehmensaufkäufe von den Kartellbehörden in Washington mit Mißtrauen beobachtet werden und alle hellwach gemacht haben, die den Ölgiganten noch nie über den Weg getraut haben. „Das Potential für Zusammenschlüsse und Übernahmen muß stutzig machen“, erklärte Senator Edward Kennedy gegenüber dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin Business Week. Der von ihm geführte Anti-Trust-Ausschuß des Senats will die damit verbundenen Gefahren jetzt in einem Hearing untersuchen. Kennedy sieht sie so: „Exxon zum Beispiel könnte morgen P. C. Penney, Du Pont, Goodyear und Anheuser-Busch kaufen und brauchte dazu nur auf seine flüssigen Mittel zurückzugreifen.“