Von Günter Hofmann

Schön wär’s und reizvoll, die Kurzformel zu finden für ein irritierend widersprüchliches politisches Leben. Erst recht, wenn dem die Weihe des Authentischen verliehen würde. Aber was Harmut Soell in seiner Biographie über Fritz Erler schreibt, gilt für Herbert Wehner allemal: Ab einem bestimmten Moment wird bei manchen die Biographie selber Teil der Politik. Jeder Klärungsversuch wirkt dann als Eingriff ins akute Geschehen oder nachträgliche Korrektur; noch der Nachlaß erscheint als tückische Kriegslist.

Herbert Wehner hat sich gegenüber den zwei Spiegel-Autoren ausgeschwiegen. Aber dennoch servieren sie den Beschriebenen, in einer zum Buch ausgeweiteten Spiegel-Serie, als den „wirklichen Wehner“ – der wirkliche Wehner indessen sieht stumm zu:

Alfred Freudenhammer / Karlheinz Vater: Herbert Wehner. Ein Leben mit der Deutschen Frage. 408 S., 17 Photos, Leinen, sehen DM. C. Bertelsmann-Verlag, München, 1978.

Sicher steckt darin viel sorgfältige Recherchier-Mühe. Man kann schmökern in einem solchen Buch; der Lebenslauf lädt ja dazu ein. Fürs Archiv wichtig sind die bisher nicht vollständig bekannten Akten über den Stockholmer Prozeß gegen Wehner (1942), die in einem umfangreichen Anhang im Wortlaut publiziert werden. Und schließlich; Wehners sehr „deutscher“ Lebenslauf ragt auf aufregende Weise in die Gegenwart hinein. Es bleibt eine deutsche Frage, wie wir uns zu einem solchen Leben einstellen – einen ehemals führenden Kommunisten, der im erbitterten Widerstand gegen Hitler stand und jetzt führender Sozialdemokrat ist.

Der CDU-Abgeordnete Sauer, Jahrgang 1945, stempelte ihn erst jüngst noch einmal zum „Verfassungsfeind“. Der CSU-Abgeordnete Graf Staufenberg sprach soeben Wehner das Recht ab, zum Jahrestag des deutschen Widerstandes am 20. Juli in Berlin zu sprechen. Denn der Widerstand gegen Hitler wird ja bis heute monopolisiert, soll nicht gelten, wenn er auf „falschen“ Positionen beruhte. Wehners Biographie bleibt so ein Politikum.

Wehner machte sich zuerst – wie Freudenhammer/Vater schreiben – die Einheit der Arbeiterbewegung, später die deutsche Einheit zum Lebensziel. Das ist ihre Kernthese. Die kurze Erfahrung mit einer Einheitsfront des Proletariats, 1923 in Dresden, habe das ausgelöst, was sein „Ideal“ blieb – mit dem Entstehen eines zweiten deutschen Staates allerdings nur noch schwieriger zu erreichen war. Der Weg in die KPD war vorgezeichnet, als die Reichswehr, auch von der SPD unterstützt, die Front der Sozialisten in Sachsen zerschlug. Acht Jahre nach dem Eintritt in die Partei saß Wehner im Politbüro – an der Seite Walter Ulbrichts.