Von Heinrich Klier

Am 5. August 1965 stürzte Kurt Weiser an der berüchtigten Binerplatte des Zinal-Rothorns im Wallis vor unseren Augen zu Tode.

Ein Wettersturz hatte den Berg mit Schnee und Eis gepanzert. Kurt war es gewesen, der nicht warten, der weiter wollte; wir machten mit. Wenige Seillängen unter dem Gipfel, bei der Querung einer vereisten Platte, rutschte er aus und stürzte ab, etwa acht Meter tief. Er schlug mit dem Kopf seitlich an eine scharfe Karte. – Eine Stunde später starb er. – Ein neuer Wettersturz trieb uns durch Schnee, Nebel und Nacht hinunter zur Rothornhütte. Erst drei Tage später besserte sich das Wetter soweit, daß wir unseren Kameraden bergen konnten. Vor uns aber lag noch die schwerste Aufgabe: Der Frau mit den drei kleinen Mädchen die Nachricht zu überbringen.

Aus den drei kleinen Mädchen von damals sind inzwischen große Mädchen geworden. Katrin, die älteste, fragte mich kürzlich: „Warum steigt ihr in die Berge? Warum legt ihr euch solche Mühen auf, begebt euch in solche Gefahren, setzt eure Familie, eure Existenz aufs Spiel?“

Man wird nicht berühmt, man erhält nichts dafür, auch der Ruhm einer Erstbesteigung zählt nur im engsten Kreis. Von den tausend oder zehntausend extremen Bergsteigern Europas kennt man vielleicht vier, fünf Namen. Auch die werden in der Zunft nicht wichtig genommen.

Aus welchen Motiven aber wächst diese irrationale, gefährliche Sehn-Sucht, der immer wieder Menschen, meistens junge, „hoffnungsvolle“ Menschen, zum Opfer fallen?

Bei manchen mögen sportlicher Tatendurst, die „überschüssige“ Kraft oder ein mehr oder weniger legitimes Geltungsbedürfnis mitwirken. Aber in der entscheidenden Phase fallen alle Erklärungsversuche in sich zusammen. Wolfgang Merhar, der im vergangenen Winter allein durch die gewaltige vereiste Nordwand des Matterhorns gestiegen ist, schließt seinen Bericht mit einer Vermutung: „Alles wird sich wiederholen. Ich werde wieder an einem Einstieg stehen, Angst haben und doch einsteigen. Warum? – Vielleicht, weil es so sein muß.“