Wie ein Prozeß unter den Methoden der Ermittler leiden kann – Der Mordfall Ulrich Schippke

Von Jost Nolte

Der Hamburger Stadtteil Lurup ist keine sonderlich renommierte Gegend. Wer dort einen Bungalow besitzt und einen Mercedes vor der Tür stehen hat, gilt in den Reihenhäusern und Etagenwohnungen der Nachbarschaft allemal als etwas Besseres, ob sein Domizil nun viel herzeigt oder nicht und ob der Wagen auf private Rechnung läuft oder als Dienstfahrzeug in Gebrauch ist. Der 48jährige stern-Reporter Ulrich Schippke, in seinem Blatt für wissenschaftliche Themen zuständig, bewohnte in Lurup unter der Adresse Franzosenkoppel 19 einen Bungalow und fuhr einen Dienst-Mercedes. Er galt als bessergestellter Mann, und womöglich hat allein dieses Ansehen seine Mörder in sein Haus gelockt: Er wurde in der Nacht zum 24. Juni 1977 von einem Einbrecher buchstäblich zu Tode getrampelt. Ein zweiter Mann richtete Schippkes 15jährigen Sohn Marek übel zu. Dann suchten die Täter mit 3100 Mark und einem Goldring das Weite. Sie mochten auf größere Beute gehofft haben.

Zehn Tage später, am 4. Juli, nahm die Polizei den 23jährigen Zigeuner Peter Böhmer und dessen zwei Jahre jüngeren Bruder Giovanni fest und beschuldigte sie der Untat an der Franzosenkoppel. Am 7. Juli ging ein dritter Böhmer-Bruder, der 22jährige Renaldo, in Haft. Er sollte während der Tat vor Schippkes Haus Schmiere gestanden haben. Am 14. Juli schließlich holten Kriminalbeamte den 30jährigen Athanasius Frahm und den 23jährigen Harald Piel. Frahm – wie Piel kein Zigeuner, aber mit den Böhmers verschwägert – sollte in Kenntnis des Verbrechens einen Teil der Beute kassiert, Piel sollte die blutverschmierte Kleidung Peter und Giovanni Böhmers beiseite geschafft haben.

Den Böhmer-Brüdern und Harald Piel wurde außerdem vorgeworfen, vor dem Einstieg bei Schippke versucht zu haben, in das Nebenhaus Franzosenkoppel 17 einzudringen. Angeblich wollten sie dort im Keller einen Getränkeverkaufsraum plündern; das Schloß der Eisentür widerstand jedoch ihrem Dietrich.

Die Staatsanwaltschaft schmiedete eine Anklage aus nicht weniger als 15 Paragraphen des Strafgesetzes. Jetzt soll die Große Strafkammer 1 beim Hamburger Landgericht die Sache entscheiden. Die Kammer aber hat damit ihre Mühe, denn die Polizei, davon überzeugt, die Sache sei „im wesentlichen auch durch die Aussagen von Informanten geklärt“, schickt ihre Beamten nur mit Maulkorb: Sie begrenzt deren Aussagegenehmigung streng und weigert sich, sogenannte Beiakten herauszurücken. Zweck der Übung: Die Namen von Gewährsleuten sollen um jeden Preis geheimgehalten werden. Ihnen drohe, so die Begründung, von der als gewalttätig bekannten Familie Böhmer Gefahr für Leib und Leben.

Gewiß, die Vorstrafen von drei der fünf Angeklagten mahnen zur Vorsicht. Da finden sich gefährliche Körperverletzung, Nötigung, räuberischer Diebstahl, Vergewaltigung und Mißhandlung von Mitgefangenen. Wer der Sippe in die Quere kommt, kann dies bedeuten, nimmt besser seine Beine in die Hand. Peter Böhmer soll außerdem gegenüber einem Kriminalbeamten gedroht haben, er werde Marek Schippke „kaltmachen“, wenn der Junge ihn identifiziere und für zehn oder 15 Jahre in den Knast bringe.