Leser schreiben zum Fall Filbinger

Mit großem Interesse habe ich Ihre ausführliche Darlegung über die Rede von Herrn Filbinger in der letzten Phase des 2. Weltkrieges gelesen. Ich glaube sagen zu dürfen, daß Sie mit Mut und äußerster Sorgfalt, aber auch mit einem ausgeprägten Sinn für Fairneß den vielschichtigen Fakten und Fragen nachgegangen sind. Ihre Art scheint mir die richtige zu sein, um den schwierigen Aspekten des menschlichen Handelns in einer Zeit der moralischen und politischen Desorientierung gerecht zu werden.

Hier geht es um die ernsthafte Sorge über die moralische Verfassung derer, die in unserer Gesellschaft an führender Stelle handeln. Es geht nicht darum, Material für einen Feldzug gegen einen vermeintlichen politischen Gegner aufzubereiten. Es geht einzig und allein um die Frage, welche Chance hatte ein Mensch, eine Persönlichkeit, von der Zivilcourage erwartet werden durfte, in der brutalen Rechtsmaschinerie der Faschisten. Hat er seine Chance genutzt im Sinne der Menschlichkeit, hätte er mehr tun können, hätte er mehr tun müssen? Die junge, kritische Generation von heute stellt diese Fragen zu Recht.

Keiner von uns wird sich eine endgültige Antwort anmaßen. Bleiben werden aber begründete Zweifel, Nachdenklichkeit und die Mahnung an all jene, die aus ehrgeizigen Karrieremotiven heraus meinen, die berechtigte Frage nach der eigenen Moralität durch formale Rechtfertigung des Handelns abweisen zu dürfen.

Als ein Zeitgenosse, der im 3. Reich das Geflecht von ehrgeizbedingter Abhängigkeit und bürokratischem Machtmißbrauch bewußt miterlebte, weiß ich, daß in vielen Fällen Zivilcourage mutiger Bürger Menschenleben rettete und unsere Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit bestärkte. Ein Mehr an Zivilcourage derer, die es besser wissen müssen, ist eine ganz entscheidende Voraussetzung für den Fortbestand unserer Demokratie. Eugen Loderer, Frankfurt,

Vorsitzender der IG Metall

Ich bin Jahrgang 21. Abitur 39, Soldat bis 45. Berliner vom Friedrichshain. Aus dem Hinterhaus holte man 33 einen Kommunisten, weil bei ihm van der Lübbe übernachtet hatte, im ersten Stock bei uns im Vorderhaus wuchs Hilde Benjamin heran. Über die Straße im Krankenhaus war Horst Wessel gestorben, um die Ecke in der Hufeland hatten SA-Leute einen Sozi in der Silvesternacht 33 erschossen. In Berlin NO wußte man, was gespielt wurde. In meine Penne ging Fritz Erler. Paar Klassen höher.